Warum du keine Zeit hast — und wozu das gut ist

Zeitforscher Jonas Geissler über die verdeckte Funktion von Zeitknappheit
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Wer keine Zeit hat, lügt. Oder ist tot.

Harte Aussage. Aber sie stimmt: Wer diesen Satz aussprechen kann, hat Zeit. Wer lebt, hat Zeit – und bekommt jeden Tag neue dazu, jeder und jede gleich viel. Und trotzdem haben wir ständig das Gefühl, keine zu haben. Warum du keine Zeit hast, obwohl du objektiv genauso viel besitzt wie jeder andere Mensch, erklärt Zeitforscher Jonas Geissler im dritten Video der Reihe.

Die unbequeme Wahrheit zuerst: Wir haben nicht zu wenig Zeit. Wir haben zu viele Optionen. Das wusste schon Niklas Luhmann: Zeit ist gar nicht knapp. Der Eindruck von Knappheit entsteht, weil unser Erleben von Erwartungen überfordert wird – auch von denen, die wir nur vermuten. Wie schnell sollte ich antworten? Wann muss ich erreichbar sein? Wo sollte ich präsent sein, um mich zu zeigen?

Wir haben also nicht zu wenig Zeit. Wir haben zu viel zu tun. Ein gewaltiger Unterschied. Denn an der Zeit selbst können wir nichts ändern – sie ist einfach da. Wir schwimmen in ihr wie Fische im Wasser. Zeit kannst du nicht managen, nicht sparen, nicht in den Griff bekommen. Du kannst nur deine Tätigkeiten organisieren. Und dich selbst.

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Zeitknappheit ist verdammt praktisch

Wer den Selbstversuch macht – mitten in der Arbeitszeit zwanzig Minuten die Füße auf den Tisch legen und sagen: „Nichts. Ich hab Zeit.“ – merkt sofort, wie irritierend, fast verboten sich das anfühlt. Denn nur wer keine Zeit hat, gilt als gutes Mitglied der Organisation. Zeit zu haben ist verdächtig, rechtfertigungspflichtig.

Zeitknappheit regelt drei Dinge, die Organisationen zusammenhalten:

Zugehörigkeit. Nur wer keine Zeit hat, gehört dazu. Wir bestätigen uns gegenseitig, wie viel wir zu tun haben – und halten damit genau die Knappheit am Leben, über die wir klagen.

Abgrenzung. „Tut mir leid, keine Zeit“ ist die eleganteste Ausrede. Meistens heißt sie in Wahrheit: „Ich will nicht.“ Das zu begründen würde Zeit kosten – also sagen wir lieber: keine Zeit.

Wertschätzung. Wer hetzt, wessen Kalender überquillt, signalisiert: Ich bin wichtig. Führungskräfte, die Hektik und Sichtbarkeit belohnen, reproduzieren genau dieses Muster – und machen es unwahrscheinlicher, dass jemand Zeit haben darf. Das wird besonders dann zum Nachteil, wenn Innovation, Mehrhirndenken und Entscheidungsgüte für das Geschäftsmodell relevant sind.

Deshalb lässt sich Hetze nicht einfach abstellen

Zugehörigkeit, Abgrenzung, Wertschätzung – alle drei hängen an der Zeitknappheit. Deshalb muss man erst wissen, was Hetze heimlich leistet, bevor man sie verändern kann. Wer das überspringt, verordnet Achtsamkeitskurse gegen ein Problem, das in der Kultur sitzt, nicht in den Einzelnen. Man schickt die Spieler zum Training, obwohl das Spiel das Problem verursacht.

Das Ziel ist eine zeitintelligente Organisation: eine, in der nicht alle rennen müssen, um dazuzugehören, in der Zeitvielfalt gelebt werden darf – mal schnell, mal langsam, und viele Stufen dazwischen. Ein bisschen wie bei Mozart: Zwischen ganz langsam und ganz schnell liegen Dutzende Tempi. Erst dann erklingt Musik.

Darum geht’s im Video

Im Video zeigt Jonas Geissler, warum du keine Zeit hast – und wozu das insgeheim gut ist: mit Niklas Luhmanns Theorie der Erwartungsüberforderung, dem Selbstversuch mit den Füßen auf dem Tisch und der Frage, wie eine zeitintelligente Organisation aussieht. Mehr davon auf dem YouTube-Kanal von Jonas Geissler und im SPIEGEL-Bestseller „Alles eine Frage der Zeit“, gemeinsam mit Harald Lesch.

Was Honig-Zeit ist und wie Führung als Zeitraumgestaltung funktioniert, zeigen die ersten beiden Videos der Reihe:Zeit ist Geld? Benjamin Franklin hat sich geirrt und Warum die besten Führungskräfte sich Zeit für die Zeit nehmen. Wie eine zeitintelligente Organisation konkret entsteht, zeigt die Seite Zeitkultur entwickeln.

Wo in deinem Team ist „keine Zeit“ gerade eher ein Statussymbol als ein echtes Problem – und wer traut sich, das zuerst auszusprechen?