Zeit ist Geld? Da hat sich jemand verhört.
„Zeit ist Geld“ – dieser Satz ist der teuerste Irrtum der Arbeitswelt, sagt Zeitforscher Jonas Geissler. Denn Benjamin Franklin hat etwas anderes gemeint: nicht money, sondern honey. Zeit ist kein Zahlungsmittel – Zeit ist ein Lebensmittel.
Der Satz wird Franklin zugeschrieben, als Rat an einen jungen Kaufmann. Und er hat Wirkung entfaltet: Er hat unseren Wohlstand mit aufgebaut. Unternehmen sind im „Time is money“-Spiel unterwegs – sie müssen es sein. Aber Zeit ist eben nicht nur Geld. Menschen brauchen Honig-Zeit. Sonst funktioniert das Ganze nicht.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Honig-Zeit ist keine Hängematte
Die meisten denken bei „Time is honey“ zuerst an Freizeit, Nichtstun, Hängematte. Aber das trifft es im Kern nicht.
Zwei Psychologen – Edward Deci und Richard Ryan von der University of Rochester – haben über Jahre erforscht, was Menschen antreibt und aufblühen lässt. Sie sind auf drei Dinge gestoßen: Kompetenz. Autonomie. Verbundenheit. Keine Dinge, die man besitzt oder kaufen kann – Dinge, für die man Zeit braucht. Die in der Zeit entstehen.
Das Spannende: Deci und Ryan nennen die drei nicht „Faktoren“ oder „Bedingungen“. Sie nennen sie Nährstoffe. Etwas, das einen wachsen lässt. Da ist er wieder, der Honig.
Eine Zeit, in der ich mich kompetent fühle – in der wirkt, was ich tue. Eine Zeit, über die ich selbst entscheide, statt nur durchgereicht zu werden. Eine Zeit, in der ich mich mit anderen verbunden fühle. Das ist Honig-Zeit. Und das ist keine Arbeitsverweigerung – das ist gute Zeit, auch gute Arbeitszeit.
Drei Geschichten, die in jeder Organisation auftauchen
Jonas Geissler hat das mit der HR-Abteilung eines großen Unternehmens über drei Monate durchgespielt – dreißig Leute, eine echte Zeitreise: Wo ist bei uns die Honig-Zeit, und wo rödeln wir nur im Hamsterrad? Dabei zeigen sich fast immer dieselben drei Geschichten:
Die einen hetzen den ganzen Tag – und fragen sich abends, was sie eigentlich geschafft haben. Die anderen sind Führungskräfte und sagen: „Eigentlich würde ich ganz anders führen – ich komme nur nie dazu.“ Und die dritten merken, dass sie auf die Erschöpfung zusteuern statt auf die Wertschöpfung.
Die Frage ist also nicht: Wie sparen wir Zeit? Sondern: Was machen wir mit der gewonnenen Zeit – nährt sie uns, oder zehrt sie an uns?
Übrigens: Franklin hatte den Satz nur aufgeschnappt
„Zeit ist Geld“ stand schon 30 Jahre vor Franklin in der Londoner Zeitung „The Free-Thinker“ – als Nörgelei: Eine Frau hält den Satz ihrem verträumten Schuhmacher-Mann vor, weil er die Zeit vertrödelt. Schon damals war er nur ein Vorwurf, keine Lebensweisheit.
Darum geht’s im Video
Im Video erklärt Jonas Geissler, warum „Zeit ist Geld“ eine mächtige, aber begrenzte Logik ist, was die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan mit Honig zu tun hat – und wie Teams herausfinden, wo ihre Honig-Zeit steckt. Mehr davon auf dem YouTube-Kanal von Jonas Geissler und im SPIEGEL-Bestseller „Alles eine Frage der Zeit“, gemeinsam mit Harald Lesch.
Wie das konkret in der Führung aussieht, zeigt das zweite Video:Warum die besten Führungskräfte sich Zeit für die Zeit nehmen.
Und was Honig-Zeit in deiner Organisation ist, findet man nur gemeinsam heraus – auf Bühnen, in Workshops, mit Teams.
Und wo in deiner Organisation zehrt die Zeit gerade mehr, als sie nährt?