Zeitmanagement macht unglücklich: Jonas Geissler im Harvard Business manager

Interview über Zeitmanagement, Uhrzeit und den rasenden Stillstand
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Zeitmanagement macht unglücklich, weil es die Zeit zur Feindin erklärt. Wir wollen sie in den Griff bekommen und sparen, doch Zeit lässt sich weder sparen noch gewinnen noch managen. Man kann sie nur leben. Darüber habe ich mit Christina Kestel für das Extra „Leadership Weekly“ des Harvard Business manager gesprochen. Das Interview ist passend zur Zeitumstellung erschienen.

Harvard Business manager · Leadership Weekly Nr. 40 · 25.10.2026 · Interview: Christina Kestel

Vom Wecker der Mönche zum rasenden Stillstand

Wir stellen die Uhr um, nicht die Zeit
Noch heute sprechen wir zweimal im Jahr von der Zeitumstellung, obwohl wir nur die Uhren umstellen. Daran erkennt man, wie tief uns die Uhrzeitlogik in Fleisch und Blut übergegangen ist. Kein Tag hat eine Minute mehr oder weniger gelebt, und trotzdem fühlt sich die Umstellung wie ein Eingriff in die Zeit selbst an.

Warum wir Zeit in Geld verrechnen
Die mechanische Räderuhr entstand vor rund 600 Jahren in einem Kloster, so ist es überliefert. Die Mönche wollten einen Wecker für ihre Gebetszeiten. Damit lag die Zeit nicht mehr in den Händen von Gott oder der Natur, sondern in den Händen der Menschen. Man konnte die Uhr verstellen und Menschen steuern, ordnen und synchronisieren. Aus der Zeit wurde eine reine Rechengröße, und so konnte man sie mit Geld besetzen. Geld kennt kein Genug.

Der rasende Stillstand
Die Logik von Zeit und Geld kommt Mensch und Natur teuer zu stehen. Individuell kostet sie Gesundheit, bis hin zum Burnout. In Organisationen sind so viele mit Kleinkram beschäftigt, dass das Gesamtsystem kaum vorankommt. Ich nenne das den rasenden Stillstand.

Weglassen, Timing und Zeitvielfalt
Wir leben in einer additiven Welt, auf die Aufgabenliste wird immer mehr gepackt. Die Kunst des subtraktiven Managements fragt, was sich klug weglassen lässt. Außerdem kennen wir nur ein Tempo, schneller. Dabei ist es ziemlich langsam, schnell in die falsche Richtung zu laufen. Zeitvielfalt heißt, mal schnell zu sein und sich mal Zeit zu lassen, und manchmal schlägt das Timing die Geschwindigkeit.

Pausen, Meetings und Entscheidungen
Die Pause muss Teil einer Leistungsstrategie sein. Neben dem Schlaf braucht der Körper alle 75 bis 90 Minuten eine Mikropause, und die Faustformel lautet: das Gegenteil von dem tun, was man vorher gemacht hat. Von einem Meeting ins nächste zu fallen raubt enorm viel Energie, deshalb ist mein Rat, Meetings radikal zu limitieren und Übergänge zu schaffen. Bei Entscheidungen hilft es, zuerst festzulegen, wie entschieden wird.

Zehn Tipps zum Mitnehmen
Am Ende des Interviews stehen zehn Tipps, darunter: Nehmen Sie sich Zeit für die Zeit. Sehen Sie sich als Zeitraumgestalter*in. Lassen Sie es sein, denn Addition ist ein Reflex und Subtraktion eine Kunst. Alle zehn Tipps in meiner Originalfassung schicke ich Ihnen gern als Cheat Sheet zu. Schreiben Sie mir einfach.

Zeitkultur in Ihrer Organisation gestalten

Die Fragen aus dem Interview betreffen nicht nur den eigenen Alltag. Auch in Organisationen entscheiden Erwartungen, Strukturen und Führung darüber, ob Menschen ihre Zeit lediglich füllen oder wirksam gestalten können. In meinen Keynotes, Workshops und Transformationsbegleitungen mache ich diese Muster sichtbar und entwickle mit Führungskräften und Teams neue Zeiträume für wirksame Arbeit, zum Beispiel im Real Time Lab.

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