Mehr Taktlosigkeit wagen: Jonas Geißler im Human Resources Manager

Über Zeitfallen im Unternehmen
Essay im HRM-Reader lesen
Artikel

Zeit lässt sich weder sparen noch gewinnen noch managen. Man kann sie nur leben. Im Titelessay „Mehr Taktlosigkeit wagen“ im Human Resources Manager beschreibt Anne Hünninghaus, wo Unternehmen in Zeitfallen tappen. Für den Essay hat sie mich interviewt, und meine Gedanken ziehen sich durch den ganzen Text. Ich freue mich, dass sie so viel Raum bekommen.

Human Resources Manager · Ausgabe 05/2026 · Titel Zeit · Essay von Anne Hünninghaus

Fünf Zeitfallen im Arbeitsalltag

Die Taktungsfalle
Wer Arbeitstage in gleich große Stücke schneidet, folgt dem Takt der Maschinenwelt, in der jede Minute gleich viel zählt. Wissensarbeit braucht einen anderen Rhythmus: Phasen intensiver Konzentration, Übergänge, Pausen. Aus gefüllten Tagen werden erfüllte, wenn Übergänge und Fokusblöcke bewusst im Kalender stehen.

Die Meetingfalle
Ein neues Meeting soll Transparenz schaffen und Beteiligung fördern. Häufig entsteht stattdessen performative Arbeit, die mehr der Sichtbarkeit dient als der Wertschöpfung. Subtraktives Management heißt, vor dem nächsten Termin zu fragen, was sich streichen lässt, statt noch etwas obendrauf zu legen.

Die Erreichbarkeitsfalle
Beschäftigte orientieren sich an dem, was sie für die Erwartungen anderer halten. Wenn die Führungskraft spätabends Mails verschickt, entsteht schnell die unausgesprochene Norm, selbst auch noch online zu sein. Der Hebel ist vergleichsweise einfach: Erreichbarkeitsregeln explizit machen, Antwortfristen definieren, Ruhezeiten respektieren.

Die Verdichtungsfalle
Tools sollen Zeit freiräumen, führen aber bei den wenigsten zu mehr Muße. Was schneller geht, wird nicht ruhiger, sondern dichter: der Rebound-Effekt. Zeitkompetenz heißt hier, nicht noch schneller zu werden, sondern zu erkennen, womit die Aufmerksamkeit bereits belegt ist, und dann konsequent auszusortieren.

Die Bürokratiefalle
Sie entsteht dort, wo Erfassungspflichten und Prozesse nur Kontrolle erzeugen, aber nie dazu führen, dass etwas vereinfacht oder gestrichen wird. Jede Checkliste, jede Freigabestufe und jede Pflichtschulung braucht deshalb eine Bewährungsfrage: Was würde passieren, wenn es sie nicht gäbe, und steht dieses Risiko im Verhältnis zum täglichen Zeitaufwand?

Dahinter liegt die größere Frage: Wer hat Zugang zu freier Zeit?
Eigentlich ist die Zeit gerecht verteilt, wir alle haben 24 Stunden pro Tag. Ungerecht verteilt ist der Zugang zu frei verfügbarer Zeit. In Schichtarbeit, Logistik und Pflege oder mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen sind die Spielräume deutlich kleiner als im Büro mit Gleitzeit und Homeoffice.

Wer diese großen und kleinen Fallen entschärfen will, braucht mehr als ein paar neue Kalenderregeln. Mein Rat: auf drei Ebenen gleichzeitig schauen, auf die Aufgaben, auf die Menschen und auf das System. Denn im Grunde ist alles eine Frage der Zeit.

Zeitkultur in Ihrer Organisation gestalten

Die Fragen aus dem Essay betreffen nicht nur den eigenen Alltag. Auch in Organisationen entscheiden Erwartungen, Strukturen und Führung darüber, ob Menschen ihre Zeit lediglich füllen oder wirksam gestalten können. In meinen Keynotes, Workshops und Transformationsbegleitungen mache ich diese Muster sichtbar und entwickle mit Führungskräften und Teams neue Zeiträume für wirksame Arbeit.

Vortrag oder Workshop anfragen