Alle Zeit hat ihren Raum

Ein Gespräch von Klaus de Winder mit Jonas Geissler. Moderiert von Markus Albers.
Auf LinkedIn lesen
Artikel

10. April 2026

English version: see below!

Klaus de Winder führt gemeinsam mit Claudia de Winder und Sascha Nikolauschke das Berliner Büro für relationale Architektur de Winder Architekten. Seit über drei Jahrzehnten widmet er sich der Frage, wie Menschen Räume wahrnehmen, erleben und welche Atmosphäre dabei entsteht. Jonas Geissler ist Soziologe, Zeitexperte und Berater – er begleitet Unternehmen und Organisationen dabei, bewusster mit ihrer Zeit umzugehen. Hier sprechen die beiden darüber, was ihre jeweiligen Professionen verbindet. Markus Albers lebt als Autor in Berlin.

 

Klaus, Du blickst auf 37 Jahre Architektur zurück – und dabei beschäftigst Du Dich immer stärker mit dem Thema Zeit. Was treibt Dich dazu?

KLAUS DE WINDER

Wir sitzen hier an der Spree, und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen Fluss, der sich bewegt – und damit, in gewisser Weise, die Zeit selbst. Das klingt pathetisch, ist aber präzise: Raum ohne Zeit ist für mich eine leere Abstraktion. Unser Büro beschäftigt sich mit dem, was wir den relationalen Raum nennen – mit all jenen Bedingungen, unter denen Raum überhaupt erst wahrgenommen wird. Und Wahrnehmung ist immer ein zeitlicher Prozess.

Norbert Elias spricht von einem Wandlungskontinuum, wenn er die Zeit beschreibt: nicht Abschnitte, sondern ein dauerhafter Vorgang, der uns begleitet. Trotzdem verfallen wir ständig der Versuchung, Zeit zu kategorisieren – sie in Räume zu packen, wie wir sagen würden. Wir sprechen davon, dass die Zukunft vor uns liegt, dass wir zurückschauen. Das sind räumliche Bilder für einen zeitlichen Vorgang. Diese Schnittstelle fasziniert mich.

Jonas, Du bist der wahrscheinlich einflussreichste deutsche Zeitforscher. Hilf uns doch mal, das Phänomen einzuordnen.

JONAS GEISSLER

Die Zeit ist das universellste aller Themen: Sie betrifft jeden, und trotzdem reflektieren wir kaum, wie wir mit ihr umgehen. In meiner Arbeit mit Unternehmen und Teams habe ich immer wieder erlebt, dass Lernprozesse scheitern, weil man glaubt, sie beliebig beschleunigen zu können. Das ist ein Irrtum. Manche Erfahrungen brauchen ihre Zeit – so wie es absurd wäre, das Erlebnis zu beschleunigen, das einen beim Eintreten in den Kölner Dom erfasst.

Luis Buñuel hat einmal ein Filmexposé geschrieben, in dem Priester auf dem Petersplatz einen Wettbewerb veranstalten, wer die gesamte christliche Liturgie am schnellsten herunterleiern kann. Eine wunderbare Absurdität – denn manche Dinge brauchen ihre Zeit, ihre Dauer, ihre Geschwindigkeit, ihren Rhythmus, um Wirkung zu entfalten. Das gilt für Kathedralen genauso wie für den Aufbau von Vertrauen, für echtes Lernen, für Innovation.

Was interessiert den Architekten am Phänomen Zeit – und den Zeitforscher an der Architektur?

JONAS GEISSLER

Räume haben immer eine Affordanz – einen Aufforderungscharakter für bestimmtes Zeitverhalten. Das kann man als Gestalter gar nicht vermeiden. Selbst eine Brache oder ein Schrottplatz beeinflusst unser Zeitgefühl. Die Kirche hat den Kölner Dom nicht mit 2,30 Meter Deckenhöhe und vierzig Quadratmetern gebaut, weil sie etwas ganz Bestimmtes erzeugen wollte: Ehrfurcht, das Gefühl zeitloser Gegenwart, einen Raum, in dem nicht Uhren herrschen, sondern in dem Zeit gleichsam von Gott gegeben wird.

Das Gegenteil davon ist das alte BMW Museum in München – eine nach innen geschwungene Spirale, in der man sich kontinuierlich abwärts bewegt. Man hält nicht inne, man kehrt nicht in sich, man erlebt die Dynamik des Produktes im Raum. Architekten sind für mich Raumzeitgestalter. Und ich verstehe mich selbst als Zeitraumgestalter: Wenn ich ein Leadership-Retreat konzipiere, gestalte ich einen Zeitraum, in dem im besten Fall etwas entsteht, was vorher noch nicht da war.

KLAUS DE WINDER

Was mich als Architekt fasziniert, ist die Erkenntnis, dass Zeit- und Raumwahrnehmung im Gehirn dieselben Strukturen aktivieren – der parietale Cortex verarbeitet beides. Ich kenne das selbst vom Rennradfahren: Auf einer geraden Strecke, deren Ende ich nicht sehe, kommt mir der Weg viel länger vor als auf einer kurvenreichen Route. Die Ereignisdichte verändert das Zeiterleben.

Der Wiener Architekt Hermann Czech ist der Meinung, „an Atmosphären als Entwurfsabsicht ist mir schon deswegen nicht gelegen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass sich Atmosphäre nicht produzieren lässt, weil sie auf der konsumtiven Seite der Architektur steht.“ Ich als Architekt kann Parameter beeinflussen, aber ich kann Atmosphären nicht entwerfen. Das klingt ernüchternd, ist aber eigentlich befreiend – weil es bedeutet, dass der Raum immer nur ein Angebot ist, kein Diktat.

Atmosphären lassen sich also nicht erzwingen – und doch wurden Räume immer wieder als Instrumente der Macht eingesetzt. Warum?

KLAUS DE WINDER

Das ist die Kehrseite dieser Wirksamkeit. Was Speer für das Dritte Reich entworfen hat, was der Barock für die Gegenreformation leistete – das Petersdom-Projekt war nicht zuletzt eine Antwort auf Luther, ein architektonisches Statement der Deutungshoheit –, all das zeigt, wie Raumatmosphären zur Machtdemonstration instrumentalisiert werden können. Was heute im Weißen Haus umgebaut wird, folgt derselben Logik.

JONAS GEISSLER

Macht ist immer Herrschaft über Raum und Zeit. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg kommuniziert einen Machtanspruch ebenso unmissverständlich wie die Entscheidung Russlands, nach der Annexion der Krim 2014 als eine der ersten Amtshandlungen die ukrainischen Uhren auf Moskauer Zeit umzustellen. China erstreckt sich über fünf Zeitzonen, hat aber eine einzige Staatszeit – ein Akt der Synchronisierung als Instrument nationaler Einheit.

 

Früher war das auch in Deutschland kleinteiliger: Wer Ende des 19. Jahrhunderts mit der Eisenbahn um den Bodensee fuhr, musste die Uhr fünfmal umstellen, weil Bayern, Österreich, die Schweiz, Württemberg und Baden jeweils den Ortszeiten ihrer Hauptstädte folgten. Erst pragmatische Notwendigkeiten haben diesen Flickenteppich überwunden. Zeitordnung ist eben nie nur technisch – sie ist immer auch politisch.

Kommen wir von den großen historischen Räumen zu einem sehr konkreten: dem Büro. Wie viel Zeit sollte man dort verbringen – und wie lässt sich der Aufenthalt dort überhaupt wieder attraktiv machen?

JONAS GEISSLER

Was sich gerade als Konsens herauskristallisiert – zwei Tage Homeoffice, drei Tage Büro –, scheint für viele einen guten Rhythmus darzustellen, weil es das Beste beider Welten verbindet: zu Hause die selbstbestimmte, konzentrierte Arbeit, im Büro die Synchronisierung mit den anderen. Grundsätzlicher ist aber die Frage, was ein Büroraum überhaupt leisten soll.

Das Großraumbüro ist keine neue Erfindung – es geht auf die Industriehallen des frühen 20. Jahrhunderts zurück und wurde schlicht auf die Wissensarbeit übertragen. Für die meisten Tätigkeiten ist es nicht geeignet. Aber ich habe bei Siemens in München erlebt, dass ein Großraumbüro funktionierte, sobald ein klarer sozialer Code galt: Man redete nicht, man telefonierte nicht, man war dort zum konzentrierten Arbeiten. Das ist das Modell der Universitätsbibliothek – alle lernen gemeinsam, aber keiner stört den anderen. Es zeigt, dass die soziale Komponente mindestens so wichtig ist wie die räumliche.

KLAUS DE WINDER

Was mich dabei immer mehr beschäftigt, ist die Frage nach der Ereignisdichte. Als Kinder erleben wir einen Schultag als endlos lang – voller erster Male, voller Entdeckungen. Im Erwachsenenalter rauscht derselbe Zeitraum vorbei, weil das Gehirn Bekanntes auf Autopilot schaltet. Der Neurowissenschaftler Marc Wittmann von der Universität Freiburg hat das gut beschrieben: Neue Erlebnisse hinterlassen zeitliche Markierungen, besonders wenn sie emotional bedeutsam sind. In der Rückschau erscheinen ereignisreiche Perioden länger als monotone.

Für die Bürogestaltung heißt das: Wenn ich Räume mit unterschiedlichen Dichten schaffe – mal enger, mal weiter, mal laut, mal still –, wenn ich Materialien wähle, die man wirklich berühren möchte, dann kann ich die erlebte Arbeitszeit buchstäblich verändern. Thomas Manns Zauberberg ist dafür ein literarisches Lehrstück: Der Erzähler selbst schreibt den ersten drei Wochen des Aufenthalts auf dem Berghof enorme „Räume und Zeitmengen“ zu. So nehmen diese drei Wochen fast ein Viertel des Romans ein, bei einem Gesamtaufenthalt von sieben Jahren.

 

Was ist das konkret für die aktuelle Bürogestaltung?

KLAUS DE WINDER

Ich habe das bei einem großen Softwareunternehmen erlebt, das einen Desk-Sharing-Faktor von 0,7 eingeführt hat. Innerhalb kürzester Zeit hatten alle ihre Familienfotos auf dem jeweiligen Lieblingstisch aufgestellt. Diese Handtuchmentalität ist kein Zufall und auch kein Trotz – sie ist ein genuines menschliches Bedürfnis. Ein Büro, das dieses territoriale Empfinden völlig ignoriert, erzeugt Widerstand. Dabei muss das Territorium gar nicht groß sein – aber es sollte existieren.

JONAS GEISSLER

Was mich daran interessiert, ist der Aneignungsprozess. Aus der Verhaltensökonomie kennen wir das Prinzip: Wer ein Ikea-Regal selbst aufgebaut hat, schätzt es danach höher – unabhängig von seiner objektiven Qualität. Man hat Zeit investiert, um etwas sein Eigen zu nennen. Das gilt für Möbel wie für Büros. Und das Handtuch auf dem Stuhl hat dabei eine Doppelfunktion: Es markiert nach innen – das ist mein Platz – und nach außen – ich gehöre hierher. Beide Grenzen konstituieren Identität.

Auffällig ist, wie selbstverständlich wir für die Zeit räumliche Metaphern benutzen – Zeitfenster, Zeitraum, etwas liegt vor oder hinter uns. Jonas, ist das Zufall?

JONAS GEISSLER

Keineswegs. Wir haben keinen unmittelbaren Zeitsinn – wir nehmen Zeit nur über Bewegung im Raum wahr. Der baskische Bildhauer Eduardo Chillida hat das einmal wunderschön formuliert: „Nicht die Zeit habe ich gesehen, ich habe das Laub fallen gesehen“. Zeit ist immer verkörpert in einem räumlichen Ereignis. Daher kommen all unsere Zeitmetaphern aus dem Raum: der Fluss der Zeit, das Zeitfenster, etwas findet davor oder danach statt. Wenn jemand sagt, er wolle seinen Gedanken Raum geben, meint er eigentlich Zeit. Und wenn er sagt, er brauche Zeit dafür, meint er im Grunde einen Raum, in dem etwas entstehen kann.

KLAUS DE WINDER

Das beschreibt auch, warum mir diese Diskussion so wichtig ist. Wir sprechen im Bürokontext immer davon, Dingen einen Raum zu geben – also auch Gedanken, Projekten, Experimenten. Hinter dieser Redewendung steckt eine tiefe Wahrheit: Ideen brauchen nicht nur Zeit, sondern auch eine physische Umgebung, die sie möglich macht. Das ist auch ein Argument gegen den Begriff des Büros selbst, den ich für überholt halte. Er suggeriert eine Funktion – Verwalten, Administrieren –, die längst nicht mehr das Wesentliche beschreibt. Was wir bauen, sind Resonanzräume.

 

Lasst uns über Künstliche Intelligenz sprechen – KI verspricht uns mehr Effizienz, also gewonnene Zeit. Aber was machen wir eigentlich damit?

JONAS GEISSLER

Das ist dieselbe Frage wie bei allen Beschleunigungsinitiativen der Vergangenheit. Die E-Mail versprach Effizienz – und produzierte statt fünf Briefen achtzig Mails täglich. Das ist der klassische Rebound-Effekt: Die Zeitgewinne werden sofort durch mehr desselben aufgefüllt. KI droht in dieselbe Falle zu tappen, wenn wir nicht bewusst entscheiden, wofür wir die freigewordenen Kapazitäten nutzen.

Hans Rusinek beschreibt KI als Vergangenheitsverlängerer: Sie extrapoliert aus dem Bestehenden. Galileis Idee wäre einer auf kirchlichen Daten trainierten KI vermutlich nie eingefallen. Das wirklich Neue, das Emergente, bleibt eine originär menschliche Leistung – und genau dafür könnten wir die gewonnene Zeit einsetzen. Ob wir es tun, ist eine andere Frage. Ich schwanke zwischen Naivität und Hoffnung. Wobei Klaus zu Recht korrigiert: lieber zwischen Idealismus und Hoffnung.

KLAUS DE WINDER

Ich erlebe das täglich in unserem Büro. Früher dauerte ein aufwändiges Rendering für einen Kunden eine Woche. Heute hat man das Bild gefühlt in dreißig Sekunden. Was machen wir mit dieser „gewonnenen“ Zeit? Im Moment machen wir noch ein weiteres Rendering und noch ein Rendering, nochmal in Grün oder Orange …. Das Ergebnis wird dadurch nicht besser, aber die Möglichkeit ist da – und wir füllen diese mit noch mehr gleicher Arbeit aus. Das ist genau das Parkinsonsche Gesetz: Arbeit dehnt sich in dem Maße aus, wie Zeit für sie zur Verfügung steht.

Was mich wirklich interessiert, ist die Frage, ob KI uns endlich erlauben könnte, Langeweile zu haben. Das klingt paradox, aber ich meine es ernst. Das Wort Langeweile enthält das Wort Weile – eine lange Weile, ein ausgedehnter Moment. In der Stille, im scheinbar Leeren entsteht das Neue. Kierkegaard hat das gewusst. Wenn wir mithilfe von KI die Zeit für Routinearbeit delegieren und diese Zeit stattdessen nutzen, um nachzudenken, zu lesen, spazieren zu gehen – dann halte ich das für einen echten Gewinn.

Jonas, ist das realistisch – oder ein frommer Wunsch angesichts von Wettbewerbsdruck und Renditeerwartungen?

JONAS GEISSLER

Ich glaube, dass gerade die Wettbewerbslogik selbst uns dazu zwingen könnte, die Zeitgewinne durch KI anders zu nutzen. Reine Effizienzgewinne sind im Wettbewerb kurzlebig – wenn alle effizienter werden, steigt nur die Messlatte. Stellen Sie sich vor, alle stehen im Konzert auf: Am Ende stehen alle auf Zehenspitzen und sehen genauso schlecht wie vorher. Wer aber die gewonnene Zeit dazu nutzt, wirklich Neues zu erschaffen, zu experimentieren, Dinge zu denken, die noch nicht gedacht wurden – der verschafft sich einen dauerhafteren Vorteil.

Frigga Haug hat mit ihrer „Vier-in-einem-Perspektive“ vorgeschlagen, die sechzehn wachen Stunden des Tages zu gleichen Teilen auf Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Selbstfürsorge und gesellschaftliches Engagement zu verteilen. Das klingt radikal – ist es aber gar nicht, sobald man begreift, wie viel unbezahlte Care-Arbeit in unserer Gesellschaft täglich geleistet wird, als stille Voraussetzung dafür, dass an anderer Stelle Erwerbsarbeit überhaupt stattfinden kann. KI könnte die Chance sein, diesen Zusammenhang endlich anzuerkennen.

Was nehmt Ihr aus diesem Gespräch mit – wo liegt die eigentliche Schnittstelle zwischen Euren beiden Welten?

KLAUS DE WINDER

Im Alten Testament heißt es sinngemäß „Alles hat seine Zeit …“. Jonas hat das heute um einen Satz ergänzt, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Und alle Zeit hat ihren Raum. Das ist eigentlich das Programm unserer Arbeit. Ein Handwerksbetrieb braucht andere Räume als ein Technologieunternehmen – nicht wegen der Ästhetik, sondern weil sich die Tätigkeiten, die Zeitrhythmen, die sozialen Gefüge fundamental unterscheiden. Ich würde am liebsten viel früher in Planungsprozesse eingreifen – nicht um Räume zu zeichnen, sondern um zunächst zu verstehen, welche Zeit die Menschen dort verbringen wollen und müssen. Dann erst folgt der Grundriss.

JONAS GEISSLER

Was uns verbindet, ist der Glaube an den Möglichkeitsraum. Luhmann hat gesagt, Zeit sei nicht knapp; der Eindruck der Zeitknappheit entstehe durch die Überforderung des Erlebens durch Erwartungen. Wenn das stimmt, dann ist Zeitintelligenz vor allem die Kunst, Erwartungen zu gestalten. Und dies geschieht vor allem durch Kompetenzen im Verzichten, Ignorieren und Weglassen. Fokus ist was du gewinnst, wenn du den Mut hast, vieles zu verlieren. Und dafür – da gebe ich Klaus vollkommen recht – braucht man gute Räume.

Für mich persönlich hat sich durch KI bereits etwas verändert: Weil sie mir Routinearbeit abnimmt, habe ich mehr Zeit für Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Ich lese wieder mehr, denke länger nach, gehe wieder häufiger auf Demonstrationen. Die neunziger Jahre haben uns politisch ein wenig betäubt – das Gefühl, alles sei geregelt. Das stimmt erkennbar nicht mehr. Vielleicht liegt darin auch eine Chance: dass wir die gewonnene Zeit nicht nur für mehr Arbeit nutzen, sondern auch für mehr Verantwortung.

KLAUS DE WINDER

Ich teile diese Hoffnung – und nenne sie lieber idealistisch als naiv. Ich glaube an die Möglichkeitsräume.

 

 

 

 

All Time Has Its Space.

A conversation by Klaus de Winder with Jonas Geissler. Moderated by Markus Albers.

 

Klaus de Winder co-directs the Berlin-based firm de Winder Architekten, specializing in relational architecture, alongside Claudia de Winder and Sascha Nikolauschke. For over three decades, he has been exploring how people perceive and experience spaces, and the atmosphere that emerges as a result. Jonas Geissler is a sociologist, time expert, and consultant — he supports companies and organizations in dealing more consciously with their time. Here, the two discuss what connects their respective professions. Markus Albers lives in Berlin as an author.


Klaus, you look back on 37 years of architecture — and you are increasingly dealing with the topic of time. What drives you?

KLAUS DE WINDER

We are sitting here by the Spree, and when I look out the window, I see a river moving — and thus, in a way, time itself. That may sound pathetical, but it is precise: space without time is an empty abstraction to me. Our office deals with what we call relational space — with all those conditions under which space is perceived in the first place. And perception is always a temporal process.

Norbert Elias speaks of a continuum of transformation when describing time: not segments, but an ongoing process that accompanies us. Yet we constantly fall into the temptation to categorize time — to pack it into spaces, as we would say. We speak of the future lying ahead of us, of looking back. These are spatial images for a temporal process. This interface fascinates me.

Jonas, you are probably Germany’s most influential time researcher. Help us classify this phenomenon.

JONAS GEISSLER

Time is the most universal of all topics: it affects everyone, yet we hardly reflect on how we deal with it. In my work with companies and teams, I have repeatedly seen learning processes fail because people believe they can be accelerated at will. That is a mistake. Some experiences need their time — just as it would be absurd to accelerate the experience one has when entering Cologne Cathedral.

Luis Buñuel once wrote a film outline in which priests in St. Peter’s Square hold a competition to see who can rattle off the entire Christian liturgy the fastest. A wonderful absurdity — because some things need their time, their duration, their speed, their rhythm to unfold their effect. This applies equally to cathedrals, to the building of trust, to genuine learning, and to innovation.

What interests the architect about the phenomenon of time — and the time researcher about architecture?

JONAS GEISSLER

Spaces always have an affordance — a prompting character for certain time-related behavior. As a designer, you cannot avoid that. Even a wasteland or a scrapyard influences our sense of time. The church did not build Cologne Cathedral with ceilings 2.30 meters high and forty square meters because it wanted to create something very specific: reverence, the feeling of timeless presence, a space where clocks do not rule, but where time seems to be given by God.

The opposite is the old BMW Museum in Munich — a spiral curved inward, in which one continuously moves downward. One does not pause, one does not turn inward; one experiences the dynamics of the product in space. Architects, to me, are designers of space-time. And I see myself as a designer of time spans: when I design a leadership retreat, I shape a period in which, ideally, something emerges that did not exist before.

KLAUS DE WINDER

What fascinates me as an architect is the realization that the perception of time and space activates the same structures in the brain — the parietal cortex processes both. I know this myself from road cycling: on a straight stretch where I cannot see the end, the route feels much longer than on a winding path. The density of events changes the experience of time.

The Viennese architect Hermann Czech says, “I am not interested in atmospheres as a design intention, because I firmly believe that atmosphere cannot be produced, since it lies on the consumptive side of architecture.” As an architect, I can influence parameters, but I cannot design atmospheres. That sounds sobering, but it is actually liberating — because it means that space is always an offer, never a dictate.

Atmospheres cannot be forced — and yet spaces have repeatedly been used as instruments of power. Why?

KLAUS DE WINDER

That is the other side of this effectiveness. What Speer designed for the Third Reich, what the Baroque achieved for the Counter-Reformation — the St. Peter’s Basilica project was also a response to Luther, an architectural statement of interpretive authority — all of this shows how spatial atmospheres can be instrumentalized to demonstrate power. What is currently being remodeled in the White House follows the same logic.

JONAS GEISSLER

Power is always control over space and time. The Nazi Party Rally Grounds in Nuremberg communicate a claim to power just as unmistakably as Russia’s decision, after the annexation of Crimea in 2014, to switch Ukrainian clocks to Moscow time as one of its first official acts. China spans five time zones but has a single national time — an act of synchronization as an instrument of national unity.

 

In the past, things were also more fragmented in Germany: at the end of the 19th century, anyone traveling by train around Lake Constance had to change their watch five times, because Bavaria, Austria, Switzerland, Württemberg, and Baden each followed the local times of their capitals. Only pragmatic necessities overcame this patchwork. The organization of time is never purely technical — it is always political.

Let us move from large historical spaces to a very concrete one: the office. How much time should one spend there — and how can it be made attractive again?

JONAS GEISSLER

What is currently emerging as a consensus — two days working from home, three days in the office — seems to represent a good rhythm for many, because it combines the best of both worlds: self-determined, focused work at home, and synchronization with others in the office. More fundamentally, however, the question is what an office space is supposed to achieve in the first place.

The open-plan office is not a new invention — it dates back to the industrial halls of the early 20th century and was simply transferred to knowledge work. For most activities, it is not suitable. But I experienced at Siemens in Munich that an open-plan office worked as soon as a clear social code applied: no talking, no phone calls, one was there for focused work. This is the model of the university library — everyone studies together, but no one disturbs the other. It shows that the social component is at least as important as the spatial one.

KLAUS DE WINDER

What increasingly concerns me is the question of event density. As children, we experience a school day as endlessly long — full of first times, full of discoveries. In adulthood, the same period rushes by because the brain switches familiar things to autopilot. Neuroscientist Marc Wittmann from the University of Freiburg has described this well: new experiences leave temporal markers, especially when they are emotionally significant. In retrospect, eventful periods appear longer than monotonous ones.

For office design, this means: if I create spaces with different densities — sometimes tighter, sometimes more open, sometimes loud, sometimes quiet — if I choose materials that one actually wants to touch, then I can literally change the experienced working time. Thomas Mann’s The Magic Mountain is a literary lesson in this: the narrator himself assigns enormous “spaces and quantities of time” to the first three weeks of his stay. Thus, these three weeks take up almost a quarter of the novel, out of a total stay of seven years.

 

What does this mean concretely for current office design?

KLAUS DE WINDER

I experienced this at a large software company that introduced a desk-sharing factor of 0.7. Within a very short time, everyone had placed their family photos on their favorite desk. This “towel mentality” is no coincidence and not defiance — it is a genuine human need. An office that completely ignores this territorial feeling creates resistance. The territory does not have to be large — but it should exist.

JONAS GEISSLER

What interests me here is the process of appropriation. From behavioral economics, we know the principle: whoever has assembled an Ikea shelf themselves values it more afterward — regardless of its objective quality. One has invested time to make something one’s own. This applies to furniture as well as to offices. And the towel on the chair has a dual function: it marks inwardly — this is my place — and outwardly — I belong here. Both boundaries constitute identity.

It is striking how naturally we use spatial metaphors for time — time window, period, something lies ahead of or behind us. Jonas, is that a coincidence?

JONAS GEISSLER

Not at all. We have no direct sense of time — we perceive time only through movement in space. The Basque sculptor Eduardo Chillida once put it beautifully: „I did not see time, I saw the leaves falling.“ Time is always embodied in a spatial event. That is why all our metaphors for time come from space: the flow of time, the time window, something happens before or after. When someone says they want to give their thoughts space, they actually mean time. And when they say they need time, they essentially mean a space in which something can emerge.

KLAUS DE WINDER

This also explains why this discussion is so important to me. In the context of offices, we always talk about giving things space — thoughts, projects, experiments. Behind this phrase lies a deep truth: ideas need not only time, but also a physical environment that makes them possible. This is also an argument against the very term “office,” which I consider outdated. It suggests a function — administration — that no longer captures what is essential. What we build are spaces of resonance.

 

Let us talk about artificial intelligence — AI promises us more efficiency, i.e., gained time. But what do we actually do with it?

JONAS GEISSLER

This is the same question as with all acceleration initiatives of the past. Email promised efficiency — and instead of five letters, produced eighty emails a day. This is the classic rebound effect: the time gains are immediately filled with more of the same. AI risks falling into the same trap if we do not consciously decide what to use the freed-up capacity for.

Hans Rusinek describes AI as an extender of the past: it extrapolates from what already exists. Galileo’s idea would probably never have occurred to an AI trained on church data. The truly new, the emergent, remains an inherently human achievement — and that is precisely what we could use the gained time for. Whether we will do so is another question. I fluctuate between naivety and hope — or rather, as Klaus correctly says, between idealism and hope.

KLAUS DE WINDER

I experience this daily in our office. In the past, a complex rendering for a client took a week. Today, you have the image in what feels like thirty seconds. What do we do with this “gained” time? At the moment, we simply produce another rendering, and another one — again in green or orange. The result does not improve, but the possibility is there — and we fill it with more of the same work. That is exactly Parkinson’s Law: work expands to fill the time available for it.

What really interests me is whether AI could finally allow us to be bored. That sounds paradoxical, but I mean it seriously. The German word for boredom, Langeweile, contains the word Weile — a long while, an extended moment. In silence, in apparent emptiness, something new emerges. Kierkegaard knew this. If we use AI to delegate routine work and instead use that time to think, read, or go for a walk — then I consider that a real gain.

Jonas, is that realistic—or a pious wish given competitive pressure and expectations of returns?

JONAS GEISSLER

I believe that competition itself might force us to use the time gained through AI differently. Pure efficiency gains are short-lived in competition — if everyone becomes more efficient, only the bar is raised. Imagine everyone stands up at a concert: in the end, everyone stands on tiptoe and sees just as poorly as before. But those who use the gained time to create something truly new, to experiment, to think things that have not yet been thought — gain a more lasting advantage.

Frigga Haug proposed with her „Four-in-one perspective“ to divide the sixteen waking hours of the day equally between paid work, care work, self-care, and social engagement. That sounds radical — but it is not, once one understands how much unpaid care work is performed daily in our society as a silent prerequisite for paid work to take place elsewhere. AI could be the opportunity to finally recognize this connection.

What do you take away from this conversation — where is the real interface between your two worlds?

KLAUS DE WINDER

In the Old Testament, it says, roughly, “Everything has its time …”. Jonas added a sentence today that I cannot get out of my head: and all time has its space. That is essentially the program of our work. A craft business needs different spaces than a technology company — not because of aesthetics, but because the activities, time rhythms, and social structures differ fundamentally. I would love to intervene much earlier in planning processes — not to draw spaces, but to first understand what kind of time people want and need to spend there. Only then comes the floor plan.

JONAS GEISSLER

What connects us is the belief in the space of possibilities. Luhmann said that time is not scarce; the impression of time scarcity arises from the overburdening of experience by expectations. If that is true, then time intelligence is above all the art of shaping expectations. And this is achieved primarily through the ability to refrain, to ignore, and to omit. Focus is what you gain when you have the courage to lose many things. And for that — as I fully agree with Klaus — you need good spaces.

For me personally, something has already changed through AI: because it takes routine work off my hands, I have more time for things that truly matter to me. I read more again, think longer, and go to demonstrations more often. The 1990s somewhat numbed us politically — the feeling that everything was settled. That is clearly no longer the case. Perhaps therein also lies an opportunity: that we use the gained time not only for more work, but also for more responsibility.

KLAUS DE WINDER

I share that hope — and prefer to call it idealistic rather than naive. I believe in spaces of possibility.