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Zeitforscher Jonas Geißler über Rhythmen, Zeitgestaltung und -erleben und wirkliche Freiheit im Kalender
Zeitwohlstand bedeutet entdichtete Zeit, Selbstbestimmung und kollektive Rhythmen.
Zeitwohlstand bedeutet entdichtete Zeit, Selbstbestimmung und kollektive Rhythmen.
Wie gehen wir mit Zeit um und wie geht sie mit uns um? In dieser ersten GOOD WORK-Folge des neuen Jahres begrüßt Jule Jankowski den Zeitforscher Jonas Geissler. Jonas beleuchtet das Thema „Zeit“ nicht nur wissenschaftlich, sondern füllt es auch mit Leben. Als Autor, Berater und Speaker gestaltet er Organisationen im Spannungsfeld von Beschleunigung, Sinn, Innovation und Menschlichkeit. Und: Er bringt ein tiefes biografisches Verständnis mit, denn das Thema Zeit ist für ihn auch eine Familiengeschichte.
Zeit ist nicht gleich Zeit
Jonas Geissler macht deutlich: Die Vorstellung, dass alle Menschen „gleich viel Zeit“ haben, greift zu kurz. Ja, kosmisch betrachtet haben wir alle 24 Stunden pro Tag. Doch wie viel davon tatsächlich frei gestaltbar ist, hängt stark von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen ab. Zeitwohlstand ist eine Frage der Gerechtigkeit, nicht der Disziplin.
Die Organisation als Taktgeber
Wir sprechen über die Mechanismen, mit denen Organisationen Zeit strukturieren: Meetings, Deadlines, Erreichbarkeit. Jonas zeigt, warum die Frage „Wann sind wir innovativ?“ oft mehr über die Organisation verrät als jede Wertefolie. Und warum Führung nicht nur Aufgaben, sondern auch Zeiträume ermöglichen muss.
Beschleunigung durch KI – und was sie verdrängt
KI wird oft als Zeitsparerin gefeiert. Doch Jonas lenkt den Blick auf die Rebound-Effekte: Wenn ein Ergebnis in Sekunden produziert wird, braucht es an anderer Stelle neue Prüf- und Abstimmungsprozesse. Die scheinbare Zeitersparnis erzeugt oft neue Zeitverluste, nur eben verschoben. Zeit gestalten heißt auch: Zeit freigeben
Die beste Innovationskultur bringt nichts, wenn keine Zeitfenster dafür vorhanden sind. Jonas erklärt, warum es nicht genügt, Innovation zu fordern. Sie muss im Kalender sichtbar werden. Er erzählt von konkreten Beispielen aus seiner Beratungspraxis: von leeren Kalendern, bewusstem Warten und Organisationen, die sich trauen, Pausen zu planen, bevor sie gebraucht werden.
Rhythmus statt Taktung
Ein zentrales Motiv: Lebendige Systeme funktionieren im Rhythmus, nicht im Takt. Unser Körper, die Jahreszeiten, gute Zusammenarbeit – sie folgen einem Prinzip der Wiederholung mit Abweichung. Jonas plädiert für mehr zeitliche Vielfalt in Organisationen: mal schnell, mal langsam, mal nichts. Nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für Wirksamkeit.
Worüber wir gesprochen haben
- Seminarkater und Primetime-Zeitgefühl: Jonas erzählt, warum ein „guter Kater“ manchmal der produktivste Zustand ist.
- Zeit als Familiengeschichte: Wie die Lebensrealität seines Vaters Jonas’ Verhältnis zur Zeit grundlegend geprägt hat.
- Kulturelle Zeitexperimente: Von der mechanischen Räderuhr zur KI und wie sich unser Verhältnis zur Zeit historisch verändert hat.
- Zwischen Rhythmen und Takten: Was Organisationen von lebendigen Systemen über Zeit lernen können.
- Zeitwohlstand als politische Frage: Warum nicht alle dieselbe Zeit haben und wie gerechtere Verteilung möglich wäre.
- Innovation braucht leere Kalender: Wie Zeiträume entstehen müssen, damit Neues entstehen kann, jenseits der Meetingflut.
- Das Gespräch ist ein inspirierender, fast schon philosophischer Auftakt ins Jahr mit einem klarem Plädoyer: Zeitwohlstand ist machbar, wenn wir uns trauen, Organisationen und Arbeitskulturen als Zeitgestaltungsräume zu begreifen.
Interview: Jule Jankowski