{"id":3424,"date":"2022-12-30T11:28:24","date_gmt":"2022-12-30T09:28:24","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=3424"},"modified":"2022-12-30T11:28:52","modified_gmt":"2022-12-30T09:28:52","slug":"zwischen-den-jahren-eine-kleine-aufklaerung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/zwischen-den-jahren-eine-kleine-aufklaerung-2\/","title":{"rendered":"&#8220;Zwischen den Jahren&#8221; &#8211; eine kleine Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Zwischen-den-Jahren-eine-kleine-Aufklaerung_timesandmore_Geissler_12_2022.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Zwischen-den-Jahren-eine-kleine-Aufklaerung_timesandmore_Geissler_12_2022.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-2ca2daea-511e-4e86-a7b7-39d568cd1ec9\" href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Zwischen-den-Jahren-eine-kleine-Aufklaerung_timesandmore_Geissler_12_2022.pdf\">Zwischen-den-Jahren-eine-kleine-Aufklaerung_timesandmore_Geissler_12_2022<\/a><a href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Zwischen-den-Jahren-eine-kleine-Aufklaerung_timesandmore_Geissler_12_2022.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-2ca2daea-511e-4e86-a7b7-39d568cd1ec9\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wie alle Kalender, so ist auch die Zeitspanne, die wir die \u201eZeit zwischen den Jahren\u201c nennen, ein kulturelles Konstrukt, also eine Erfindung der Menschen. Sie ist keine offizielle Kalenderzeit, taucht im Kalender also gar nicht auf. Es handelt sich um eine volkst\u00fcmliche Bezeichnung jener von Terminen und beruflichen Verpflichtungen entlasteten Tage, in denen das alte Jahr auf das neue trifft. Das sind die sich f\u00fcr nicht wenige Zeitgenossen etwas z\u00e4hen, ziehenden Tage zwischen Weihnachten und den Explosionen zu Silvester. Zuweilen trifft man auch auf lokale Traditionen, in denen die \u201eZeiten zwischen den Jahren\u201c bis zum 6. Januar, dem Dreik\u00f6nigstag, verl\u00e4ngert werden.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt das schon immer, zumindest so lange, wie es Kalender gibt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, unsere germanischen Vorfahren kannten, das hatten sie mit den Griechen der Antike gemeinsam, keine Zeitspanne, der sie solch ein Etikett h\u00e4tten anheften k\u00f6nnen &#8211; aus einem nahe liegenden Grund. Sie hatten kein scharf markiertes, keinen pr\u00e4zises Jahresanfangsdatum. Die Orientalen und die R\u00f6mer kannten zwar einen Jahresanfang, aber sie feierten, aus leicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden, kein Weihnachtsfest. Auch f\u00fcr sie gab es also die von uns modernen Menschen vom Zeitdruck des Allt\u00e4glichen entlasteten gesch\u00e4tzten Tage des \u201eDazwischen\u201c nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst die fr\u00fchen Christen kannten keine Tage zwischen Weihnachtsstille und Silvesterknallerei. Zwar feiern sie seit dem 4. Jahrhundert Christi Geburt, wie ja heute noch am 25.Dezember, doch f\u00fcr sie war dieser Tag anf\u00e4nglich identisch mit dem Tag des Jahresbeginns. Daher gab es auch f\u00fcr sie logischerweise keinen Zeitraum, den sie \u201eZwischen den Jahren\u201c h\u00e4tten nennen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst im Jahr 1691 setzte Papst Innozenz XII. den Jahreswechsel verbindlich auf den ersten Januar fest. Hundert Jahre zuvor hatte Papst Gregor XIII. eine sinnvolle und l\u00e4ngst f\u00e4llige Kalenderreform bekannt gegeben, in deren Rahmen einmalig 10 Tage aus dem Kalender gestrichen wurden. Eine nicht unerhebliche Zahl von Protestanten weigerte sich jedoch damals dem papistischen Zeitdiktat zu folgen und richtete das individuelle und das soziale Leben weiterhin am alten Kalender aus. So gab es in Deutschland, die Kirchenspaltung war Anlass und Ursache, f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zwei Zeitrechnungen, die um einige Tage differierten. Das neue Jahr begann also, je nach Kalender, an unterschiedlichen Tagen. Jene Tage, die zwischen den jeweiligen Jahresanf\u00e4ngen lagen, nannte man im Volksmund dann durchaus treffend die Tage \u201ezwischen den Jahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Redensart hat die Zeiten \u00fcberdauert, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, sie einen Sinn mit sich tr\u00e4gt, der den meisten Menschen unbekannt ist. Sie gibt heute, wo Protestanten und Katholiken dem gleichen Kalender folgen, den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr eine besondere F\u00e4rbung. In den von Traditionen weitestgehend ausged\u00fcnnten Gegenden, in denen Weihnachten und Silvester weniger Feste als strategische Herausforderungen sind, kursiert f\u00fcr diese Tage des Dazwischen in neuerer Zeit auch die Bezeichnung \u201eBr\u00fcckentage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einmal die gibt es f\u00fcr die immer mehr werdenden Zeitgenossen, die ihre Tage vornehmlich im Netz verbringen. Sie kennen keine \u201estillen Tage\u201c, keine Zeiten \u201ezwischen den Jahren\u201c und keine Tage mit Br\u00fcckenfunktion. Im Netz ist immer gleich viel \u2013 manche meinen gleich viel zu wenig \u2013 los. Im Netz sind die Tage nicht nur alle gleich lang, sondern auch alle gleich breit.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist eigentlich das Besondere dieser Tage, was zeichnet sie aus?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man durch die Gleitsichtbrille des Zeitforschers und stellt sich im Stadion des Zeitalltags an die Seitenlinie und beobachtet von dort das Zeitspiel der Menschen, dann erkennt man den Schwellencharakter, der die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr zu besonderen Tagen macht. Auf der einen Seite die Weihnachtstage, zugleich die Zeiten der Wintersonnenwende, auf der anderen Seite Silvester\/Neujahr.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Weihnachten und die Wintersonnenwende sind Repr\u00e4sentanten der so genannten zyklischen Zeit, Silvester\/Neujahr hingegen repr\u00e4sentiert die Linearit\u00e4t der Zeit. Lineare Zeit wird gemessen und geordnet, und zwar von Diktatoren, die zu lieben wir gelernt haben. Sie hei\u00dfen Kalender und Uhren. Die beide repr\u00e4sentieren die gradlinig strenge Autorit\u00e4t des Buchhalters. Das \u00fcbliche Erregungspotential der Jahreswende&nbsp; l\u00e4sst sich verringern, wenn man sich klar macht, dass es sich dabei um ein menschengemachtes Kunstprodukt handelt und nicht um ein Naturereignis.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders die zyklische, die naturnahe Zeit. Sie wird erlebt und erfahren, ist subjektiv und rhythmisch. Aus der Perspektive des Buchhalters ist sie \u201eungenau.\u201c Gepr\u00e4gt wird unser Alltag von beiden Zeiten. Zum einen von der zyklischen Zeit, die man sich bildlich als eine in sich zur\u00fcckkehrende Kreislinie vorstellen kann und die wir als Kreislauf von Bl\u00fchen und Welken, Tag und Nacht, Geburt und Tod, Sonnenauf- und Sonnenuntergang wahrnehmen und erleben. Sichtbar wird sie in den Jahresringen von B\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die Zeit, die uns Menschen als Naturwesen geschieht, \u00fcber die wir nicht beliebig bestimmen k\u00f6nnen. Zum anderen die lineare Zeit, die gradlinige, voranschreitende, niemals wiederkehrende Zeit des Eins nach dem Anderen, die in der Figur der sich stets fortsetzenden Linie ihren bildlichen und in der j\u00e4hrlichen Aufstockung der Jahreszahlen ihren numerischen Ausdruck findet. Dies ist jene Zeit, \u00fcber die wir Menschen selbst bestimmen, die wir ordnen, einteilen, messen, organisieren und managen k\u00f6nnen, die Zeit der Kalender und der Uhren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ereignis Weihnachten\/ Wintersonnenwende sagt uns: Alles wiederholt sich, Silvester\/Neujahr hingegen signalisiert: Alles schreitet voran. Der mehr oder weniger konfliktreiche Zusammenprall dieser unterschiedlichen Zeiten bestimmt und koloriert unser allt\u00e4gliches Zeithandeln. Doch meistens haben wir nur an den von Arbeitpflichten&nbsp; etwas entlasteten Tagen \u201ezwischen den Jahren\u201c Zeit genug, uns auf der Schwelle zwischen den Zeiten zu erfahren.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Schwelle, dem Platz der Erwartung stehend, liegt es dann nahe, sowohl zur\u00fcck, als auch nach vorne zu schauen. F\u00fcr den Blick zur\u00fcck haben wir die Formel \u201eBilanz ziehen\u201c gefunden, w\u00e4hrend wir f\u00fcr den nach vorne vom \u201ePl\u00e4ne machen\u201c sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leidenschaft des Bilanzierens und Planens verfallen waren die Menschen&nbsp; jedoch erst nachdem sie sich zur Modernisierung entschieden hatten. Erst die Moderne, die die Menschen weitestgehend von der Not des Hungers, der Krankheiten und der Angst vor der Dunkelheit befreit hat, schafft auch die Bedingungen daf\u00fcr, dass diese \u00fcber Zeit und den Umgang mit ihr nachdenken. Erst mit dem Beginn jener Epoche, die man ab dem 19. Jahrhundert erst \u201eNeuzeit\u201c nannte und die eigentlich keine neue Zeit ist, sondern ein neues Bild, das sich die Menschen von der Zeit machen, hervorbringt, entwickelte der Mensch die Leidenschaft und den Machtwillen, die Zeit zu erobern, um sie in die eigene Hand zu nehmen.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Ging\u2019s ums Zeitliche, schaute er nicht mehr aufw\u00e4rts zu Gott und&nbsp; zum Himmel, sondern er blickte zur Uhr und auf den Gang der Zeiger. Der Blick auf die Zeit wanderte vom Himmel \u00fcber die T\u00fcrme hinab zum Kaminsims und dann&nbsp; weiter nach unten zu den Hosen- und Westentaschen, und seit etwa 100 Jahren, inzwischen zum Volkszeitmesser geworden, sucht man die Zeitanzeige am Handgelenk. Doch nicht einmal dort fand der Blick zu Zeit l\u00e4ngerfristig eine Heimat, denn ein paar Jahrzehnte sp\u00e4ter machte er sich auf die Reise zu den flimmernden Displays der vielf\u00e4ltigsten Ger\u00e4tschaften.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngst wurde die Zeit zu einem \u00fcberaus beliebten Gegenstand der Kalkulation, und man meint und hofft damit die Zukunft eigenm\u00e4chtig und selbstt\u00e4tig gestalten zu k\u00f6nnen. Auf diesem Weg wurden dann die schwebenden Tage \u201ezwischen den Jahren\u201c immer mehr zu Buchhalter- und zu Orakeltagen. An diesen zieht man dann Bilanz und spekuliert daran anschlie\u00dfend mit dem Bilanzierten auf das, was danach kommt.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was machen die Menschen heute mit dieser \u201eschwebenden Zeit?\u201c<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie es sich in einer Demokratie geh\u00f6rt, ganz Unterschiedliches. Berufst\u00e4tige feiern, mal gezwungen, mal freiwillig, ihren Resturlaub ab. Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen freuen sich \u00fcber das Versanden der Zeit w\u00e4hrend der Ferientage und ihre Lehrer und Lehrerinnen freuen sich gleich mit. Andere Vielbesch\u00e4ftigte holen l\u00e4ngst f\u00e4llige Besuche bei Verwandten und Bekannten nach, um kurz vor Jahresende ihr Gewissen noch mal zu entlasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht, zwischen \u201eLukasevangelium\u201c und \u201eDinner for one\u201c ist viel los. Die einen hetzen so, wie sie das bereits vor Weihnachten getan haben und rennen von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Boutique zu Boutique, um das umzutauschen, was sie ein paar Tage zuvor erworben haben. Andere sitzen, vorausgesetzt, sie haben die Fernbedienung gefunden, Stunden vor dem Fernseher, w\u00e4hrend Gesundheitsbewusstere mit Spazierg\u00e4ngen gegen ihr \u00dcbergewicht ank\u00e4mpfen. Manche berichten gl\u00fccklich, in diesen Tagen des Dazwischen endlich zu jenem Mittagsschlaf gekommen zu sein, den sie Arbeitstag f\u00fcr Arbeitstag mit pushendem Kaffeekonsum und zusammengebissenen Z\u00e4hnen verhindert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt\u2019s noch jene Zeitgenossen, die angeregt durch den 128. Jahresr\u00fcckblick im Fernsehen, auch bei sich ein wenig Bilanz zu ziehen versuchen. Sie schlie\u00dfen sich in ein stilles Zimmer ein und h\u00e4ngen, um ungest\u00f6rt zu bleiben, ein Schild an die T\u00fcr: \u201eWegen Inventur geschlossen.\u201c Sie schauen zur\u00fcck, ziehen Fazit und machen auf dieser Grundlage Pl\u00e4ne f\u00fcr den auf sie zukommenden Lebensabschnitt.&nbsp;<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das h\u00f6rt sich etwas sehr individualistisch an. Gibt\u2019s denn nicht auch gemeinsame Aktivit\u00e4ten, die f\u00fcr diese Tage typisch sind?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt\u2019s die. Standardisierte Handlungsabfolgen, Br\u00e4uche, Rituale, Empfehlungen und Hinweise, stehen bereit, die innig miteinander verkneteten Bed\u00fcrfnisse von Vergangenheitsbew\u00e4ltigung und Zukunftsplanung in mehr oder weniger lauter Gemeinschaft zu gestalten. In einigen Regionen dieser Republik treibt man das alte Jahr mit hohem Erregungspotential aus. R\u00e4uchern die einen die Bude bei sich zu Hause aus, verr\u00e4uchern andere Umwelt und Mitwelt mit viel L\u00e4rm und Pulverdampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderswo z\u00e4hlt es zur Tradition, Haus und Wohnung aufzur\u00e4umen und gr\u00fcndlich sauber zu machen, um das, was man nicht mit ins neue Jahr nehmen m\u00f6chte einstmals wegzuwerfen, heute zu entsorgen. Schlussver\u00e4chter und Schlussfl\u00fcchter hingegen \u2013 Trennungstypen mit Wachstumspotential \u2013 &nbsp;hauen am zweiten Weihnachtsfeiertag ab, lassen alles stehen und liegen und sind dann, wie sie Zur\u00fcckgebliebenen auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, \u201ef\u00fcr eine Zeitlang mal weg.\u201c Tauchen sie dann schlie\u00dflich in den ersten Tagen des neuen Jahres wieder auf, dann \u00fcberf\u00e4llt sie die Beschwernis, dass sie mit dem alten Jahr nicht richtig fertig geworden sind, w\u00e4hrend das neue bereits unvorbereitet auf sie einst\u00fcrmt.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diese Tage des \u201eDazwischen\u201c haben eine ganz eigene Atmosph\u00e4re, so etwas Schwebendes, nicht unbedingt Leichtes, eher etwas Traurig-Sch\u00f6nes. Wie erkl\u00e4ren Sie das?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat, sie haben etwas Unvergleichliches. Sie \u00e4hneln dem Blick durch das Schl\u00fcsselloch, das ja auch von einem Gef\u00fchl der Angstlust begleitet wird. In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr erleben wir, wie zu keiner anderen Zeit des Jahres, dass die Zeit vergeht, zugleich sp\u00fcren und erkennen wir, dass es nicht die Zeit ist, die da vergeht, sondern dass man selbst vergeht.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Das sind dann mit Sentmentalit\u00e4ten angereicherte Momente, in denen man zur Verteilung von Gl\u00fcckskeksen und Gl\u00fccksschweinen neigt, um sich und seiner sozialen Mitwelt beschw\u00f6rend mitzuteilen: \u201eAlles wird gut.\u201c Die Begleitmusik dieser zuweilen in Gef\u00fchlen getr\u00e4nkten Zeit zwischen den Jahren ist anf\u00e4nglich eher auf die Tonart Moll ausgerichtet, bis sie dann in Richtung Silvester lauter wird um es am letzten Tag des Jahres schlie\u00dflich so richtig krachen zu lassen.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist so \u201esch\u00f6n\u201c an dieser Zeit, dass sich viele auf diese Tage freuen?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Dinge tun, die das \u00fcbrige Jahr zu kurz gekommen sind. Endlich hat man mal wieder Zeit, mit etwas Schluss zu machen, Zeit, das eine oder andere abzuschlie\u00dfen; und das ohne Vorgesetztem, der wie im Arbeitsalltag \u00fcblich von einem verlangt, sich ohne Einsch\u00e4tzung und Auswertung dessen, was man erreicht und geschaffen hat, also ohne wirklich abzuschlie\u00dfen, \u00fcbergangslos an die n\u00e4chste Aufgabe zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich darf man mal das tun, was einem das Internet verwehrt, aufh\u00f6ren und anfangen. Endlich mal die Gelegenheit, dem Internet zu zeigen, da\u00df man etwas kann, was dieses nicht kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Internet&nbsp;kennt keine Tage \u201ezwischen den Jahren.\u201c Der gr\u00f6\u00dfte Tempomacher der bisherigen Menschheitsgeschichte kennt \u00fcberhaupt keine Zeit, es macht keine Pausen, wei\u00df nichts von Schl\u00fcssen, nichts von Anf\u00e4ngen und der Sonntag als letztem Rest des Wechselspiels von profanen und heiligen Zeiten ist f\u00fcrs Internet auch nicht existent. Weihnachten ist ihm so unbekannt wie Silvester, Werktage sind ihm so fremd wie Feiertage. Weil es davon keine Ahnung hat, hat es auch keine Angst vor dem, was kommt, kann aber andererseits auch nicht froh und dankbar daf\u00fcr sein, ein Jahr wieder mal ganz passabel hinter sich gebracht zu haben.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Die schwebenden Tage des \u201eDazwischen\u201c sind eine Erholung vom Zeitgeist des&nbsp; \u201eschneller und schneller\u201c und der \u201eGleichzeitigkeit der Sensationen.\u201c Der Genuss dieser Tage besteht in der widerspr\u00fcchlichen Zumutung, vieles zu tun zu m\u00fcssen, weil man so wenig zu tun hat.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sollte man in dieser Zeit nicht Pl\u00e4ne f\u00fcrs kommende Jahr machen?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja das sollte man. Pl\u00e4ne geh\u00f6ren in diese besondere Zeit wie Deiche zur Nordsee und der Sattel zum Fahrrad. Was man jedoch auf keinen Fall erwarten sollte: dass sich diese Pl\u00e4ne erf\u00fcllen werden. Eher schon sollte man die Vors\u00e4tze vom letzten Jahr, die man, wie in den vorangegangenen Jahren ja auch, in den gerade zw\u00f6lf Monaten des zuende gehenden Jahres nicht abgearbeitet hat, auf dem \u201eFriedhof der guten Absichten\u201c (Hegel) zu Grabe tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbereilt w\u00e4re jedoch der Schluss, es zuk\u00fcnftig mit den Pl\u00e4nen sein zu lassen. Sagen wir es so: Am besten Sie machen, w\u00e4hrend Sie die am Horizont des alten Jahres verschwindenden Vorhaben des alten Jahres feierlich in die Gr\u00e4ber des Vergessens versenken, neue Pl\u00e4ne. Sie sollten das auch deshalb machen,, um dann am Ende des n\u00e4chsten Jahres erneut etwas beerdigen zu k\u00f6nnen. Als Vorbild bietet sich die Tradition l\u00e4ndlicher Musikkapellen an, die auf dem Weg zum&nbsp; Friedhof einen Trauermarsch anstimmen und auf dem Weg zur\u00fcck dann \u00fcbergehen zu einem Freudenmarsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz und b\u00fcndig: Wann, wenn nicht in den bewegten und bewegenden Br\u00fcckentagen zwischen Weihnachten und Neujahr bekommt man es&nbsp;realistischer und \u00fcberzeugender demonstriert, dass das Leben ist, was einem geschieht, w\u00e4hrend man damit besch\u00e4ftigt ist, es zu planen.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen Sie uns noch einen&nbsp; Blick in die Zukunft werfen. Werden wir auch weiterhin von den Tagen \u201czwischen den Jahren\u201c sprechen?&nbsp; Oder wird sich diese Tradition verlieren?<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, wir werden von der Zeitstrecke zwischen Weihnachten und Neujahr immer seltener, immer weniger von den Tagen \u201eZwischen den Jahren\u201c sprechen. Auch diese informelle Zeitinstitution wird, wie so viele vorher zu einem Opfer der alles zum Klistier machenden Beschleunigung. Inzwischen liefern die Medien die ersten Jahresr\u00fcckblicke bereits Ende November, unter anderem mit der Folge, dass der Dezember in der medial aufbereiteten Zeitgeschichte gar nicht mehr vorkommt. Er ist bereits jetzt zum ereignis\u00e4rmsten Monat geworden. Nicht, weil da nichts los w\u00e4re, sondern weil er f\u00fcr die hektischen Chronisten der Sendeanstalten und der Printmedien zu sp\u00e4t kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Dezember, so mein Eindruck, muss man nur noch aussitzen. Setzt sich dieser Trend fort, kommen wir irgendwann einmal an den Zeitpunkt, zu dem die letzte Neujahrsansprache mit dem ersten Jahresr\u00fcckblick zusammenf\u00e4llt. Dann gibt es keine Zeit mehr zwischen den Jahren. Sie w\u00e4re jener Nachverdichtung des Daseins zum Opfer gefallen, die derzeit in vollem Gange ist.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Na, Herr Gei\u00dfler, und wie verbringen Sie die Tage \u201ezwischen den Jahren?\u201c<br><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zugespitzt formuliert: Keine Pl\u00e4ne, die unordentlichen Tage des Dazwischen kommen auch so. Ich wei\u00df zwar nicht, was ich tue, aber ich wei\u00df, was ich nicht tue: Ich schau mir keine Jahresr\u00fcckblicke im Fernsehen an, auch keine noch so beliebten wie sinnlosen Wahlen zum Torsch\u00fctzen, zum Politiker, zum Pechvogel oder zum Trottel des Jahres. Obgleich man das Fernsehen nur noch mit der Fernbedienung in der Hand aushalten kann, werde ich aufs Glotzen nicht ganz verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freu mich auf das gro\u00dfe Finale dieser Tage. Nein, nicht aufs Silvesterfeuerwerk, auf die Knallerei oder den sonstigen Klamauk. Ich freu mich auf die Silvesteransprache des Bundeskanzlers, die derzeit eine Kanzlerin ist. Ich freu mich deshalb darauf, weil es sich dabei um ein zyklisches Ereignis handelt, das einem in dieser unsicheren Welt die Sicherheit verleiht, bereits am Anfang eines Jahres zu wissen, was am Ende gesagt wird. Und was gibt es Erbaulicheres, als am Ende eines Jahres die Erfahrung machen zu d\u00fcrfen, dass man am Anfang bereits wusste, was kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Reinschrift und konkret: Die Kanzlerin wird, wie ihre Vorg\u00e4nger es getan haben und wie sie es die Jahre zuvor auch schon getan hat, den \u201elieben Mitb\u00fcrgern und Mitb\u00fcrgerinnen\u201c (\u00c4nderungen der Reihenfolge m\u00f6glich!) danken, dass sie flei\u00dfig daran mitgearbeitet haben, Deutschland wieder ein St\u00fcck voran gebracht zu haben. Daran anschlie\u00dfend aber wird sie die Zuschauer mit erhobenem Zeigefinger ermahnen, dies nicht zum Anlass zu nehmen, sich zufrieden zur\u00fcckzulehnen und die H\u00e4nde in den Scho\u00df zu legen. Nein, das wird sie deutlich machen, nein, es muss weiter gehen, weiter vorw\u00e4rts, weiter aufw\u00e4rts. Wohin weiter, das sagt sie uns nicht.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Same procedure as every year. Ja, ich freu mich darauf. Es ist einfach sch\u00f6n, in solch uneindeutigen, bewegten Zeiten, erfahren zu d\u00fcrfen, dass das Neue das Alte ist, und dass, obgleich sich alles \u00e4ndert, alles bleibt wie es ist. Was gibt es Beruhigenderes \u2013 insbesondere weil es einem nicht einmal verschrieben werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen in Chrismon 12\/2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie alle Kalender, so ist auch die Zeitspanne, die wir die \u201eZeit zwischen den Jahren\u201c nennen, ein kulturelles Konstrukt, also eine Erfindung der Menschen. 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