{"id":3229,"date":"2022-08-25T15:07:23","date_gmt":"2022-08-25T13:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=3229"},"modified":"2022-12-27T11:11:00","modified_gmt":"2022-12-27T09:11:00","slug":"erneuerbare-zeiten-die-energiewende-ist-eine-zeitenwende-von-harald-lesch-und-karlheinz-geissler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/erneuerbare-zeiten-die-energiewende-ist-eine-zeitenwende-von-harald-lesch-und-karlheinz-geissler\/","title":{"rendered":"Erneuerbare Zeiten &#8211; die Energiewende ist eine Zeitenwende, von Harald Lesch und Karlheinz Gei\u00dfler"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erscheint im September 2022 in Universitas<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Erneuerbare-Zeiten-Lesch-Geissler-Universitas-2022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Download Artikel als pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Erneuerbare-Zeiten-Lesch-Geissler-Universitas-2022.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Erneuerbare Zeiten Lesch Geissler Universitas 2022.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-20a0058d-4716-4e38-880b-5d9ce0e48487\" href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Erneuerbare-Zeiten-Lesch-Geissler-Universitas-2022.pdf\">Erneuerbare Zeiten Lesch Geissler Universitas 2022<\/a><a href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Erneuerbare-Zeiten-Lesch-Geissler-Universitas-2022.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-20a0058d-4716-4e38-880b-5d9ce0e48487\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird heute \u00fcber Energiepolitik gesprochen, dann in den allermeisten F\u00e4llen \u00fcber Energiewendepolitik. Wir befinden uns derzeit in einer Phase der Transformation unserer energetischen Grundlagen von einer technikbasierten zu einer naturbasierten Strategie. Technikbasierte Energieproduktion und Energieversorgung nutzen endliche, limitierte Energiequellen, naturbasierte arbeiten mit grunds\u00e4tzlich unersch\u00f6pflichen sich erneuenden Ressourcen. Konkret: weg von Kohle, \u00d6l, Erdgas und Uran hin zu Sonne, Wind, Wasser\/ Wellen und Biomasse. Anlass dieses Umbruchs sind in erster Linie die pro- blematischen, immer h\u00e4ufiger auch katastrophalen Folgen der vor allem auf fossile Ressourcen zur\u00fcckgreifenden bisherigen Energieversorgung. \u201eKlimaver\u00e4nderung\u201c und \u201ezunehmende Belastung der Umwelt und der \u00d6kosysteme\u201c sind die gel\u00e4ufigen Stichworte daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aufbruch \u2013 bis heute ist es immer noch ein Auf- und kein Umbruch \u2013 in ein postfossiles Energiezeitalter wird von Widerst\u00e4nden, Bedenken, Protesten bis zur Verweigerung begleitet. Er k\u00f6nnte und er m\u00fcsste rascher vonstatten gehen. Gen\u00e4hrt werden die Widerst\u00e4nde unter anderem durch Bef\u00fcrch- tungen, der Wandel des Lebensstandards, die erreichte Lebensqualit\u00e4t und das Wohlstandsniveau k\u00f6nnten in Gefahr geraten, es k\u00f6nnte zu Wohlstandverschiebungen kommen durch die \u201eKohle- und \u00d6lgesellschaften\u201c \u00e4rmer und \u201eSonne- und Windenergiegesellschaften\u201c reicher werden. Diese \u00c4ngste und Bef\u00fcrchtungen sind nicht v\u00f6llig unberechtigt, vor allem, weil die \u00f6kologische Transformation zur Energieerzeugung durch regenerierbare Energiequellen nicht nur in eine neue Zeit f\u00fchrt, sondern auch zu einer neuen Zeit. Diese zwingt zu einem anderen Umgang mit ihr. Die Energieproduktion der auf dem R\u00fcckzug befindlichen Maschinen- und Schornsteingesellschaft, deren energetische Grundlagen sich auf die Ausbeutung von in Jahrmillionen aufgebauten Kohlenstoffdepots gest\u00fctzt hat, arbeitete vor allem, ging es um zeitrelevante Entscheidungen, mit der menschengemachten Zeit der Uhr. Mit dem Niedergang der Industrielandschaften, \u201eStrukturwandel\u201c ist der gerne und oft gebrauchte Begriff daf\u00fcr, verl\u00e4sst die Uhr den Thron der Zeit und wird zum Opfer ihres Erfolges. Die sich auf erneuerbare Ressourcen st\u00fctzende Energieproduktion passt sich nicht der mechanisch hergestellten, qualit\u00e4tslosen Uhrzeit an und nutzt sie in geringerem Umfang als die konventionelle, sondern folgt den lebendigen Zeiten der Natur, die dem Zeitmuster \u201eRhythmus\u201c gehorchen. Da diese Umgestaltung in der Energieproduktion mit einer Ver\u00e4nderung des Zeitmusters vom maschinellen Takt zum lebendigen Rhythmus einhergeht, tangiert der Wandel auch das allt\u00e4gliche Zeitleben und somit den gewohnten Umgang mit Zeit. Ver\u00e4nderungen der Zeitordnung und der Zeitmuster gehen, wie die Uhrumstellung im Fr\u00fchjahr und im Herbst eines jeden Jahres, die in Deutschland mehr Aufregung verbreiten, als die Sache es hergibt zeigt, h\u00e4ufig mit Widerstand einher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Uhr, sie ist eine vergegenst\u00e4ndlichte Abbildung unserer Vorstellung von Zeit, unterstellt, dass es nur eine einzige Zeit gibt, w\u00e4hrend die rhythmischen Zeiten der Natur aus einer Symphonie miteinander verschr\u00e4nkter Zeiten und Zeitskalen bestehen. Die Zeit der konventionellen Energieproduktion ent- spricht der Newton\u2019schen Vorstellung einer \u201eabsoluten\u201d, einer von ihren eigenen Bewegungen unabh\u00e4ngigen, gleichm\u00e4\u00dfig flie\u00dfenden Zeit; w\u00e4hrend die Natur, die des Menschen ebenso, wie die seiner nat\u00fcrlichen Umgebung, viele unterschiedliche Zeiten kennt. Jede regenerative Energiequelle hat ihre eigene Zeit. Der Wind eine andere als die Sonne, Wasser und Wellen andere als die Biomasse und die in der Geothermie genutzte Erdw\u00e4rme. Die Welt der Maschinen und der Technik wird beherrscht von einer exakt quantifizierbaren und kalkulierbaren, einer beliebig reproduzierbaren standardisierten Zeit, die Natur hingegen von nicht-linearen, nur eingeschr\u00e4nkt berechenbaren, ver\u00e4n- derungsfreundlichen Zeitverl\u00e4ufen. Hier Takt, dort Rhythmus. Diesen Unterschied gilt es deutlich zu machen: Schauen wir also etwas genauer hin und betonen die Unterschiede zwischen dem Zeitmuster der Uhr, das ist der \u201eTakt\u201c und dem Zeitmuster der Natur, das ist der \u201eRhythmus\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Zeitmuster: \u201eTakt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Takt wiederholt Gleichartiges. Er gliedert es in gleichwertige Teile. Selbi- ges tut die mechanische Uhr mit der Zeit. Ihr h\u00f6rbares Tick-Tack und ihr sichtbarer stets identischer Zeigerverlauf \u00fcber das Ziffernblatt zerlegt das Werden und Vergehen in reproduzierbare Einheiten. Im Gegensatz zu den von der Natur ausgesendeten Zeitsignalen liefern die Zeitzeichen der Uhr Z\u00e4hlbares, aber sie liefern nichts Erz\u00e4hlbares. Die getakteten Zeitsignale der Uhr sind artifiziell, neutral, abstrakt, die der Natur und des Kosmos hingegen konkret und ges\u00e4ttigt mit Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Uhr und ihr Zeitmuster \u201eTakt\u201c machen die Dynamik, die wir \u201eZeit\u201c nennen, kontrollier- und berechenbar. Das regelhafte Gleichma\u00df der Bewegungsfigur \u201eTakt\u201c duldet keine Abweichung. Es verleiht daher Sicherheit und Gewissheit. Auf den Takt kann man sich verlassen. Die Zeittakte, bekannt als \u201eSekunden\u201c, \u201eMinuten\u201c und \u201eStunden\u201c, sind stets gleich lang. Sind sie dies nicht, liegt ein St\u00f6rfall vor &#8211; die Uhr ist \u201ekaputt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Takt ist autorit\u00e4r, er ist nicht elastisch, ist unflexibel und nicht anpassungsbereit. Er presst die Zeit in das Korsett der Standardisierung und unterscheidet scharf zwischen \u201erichtig\u201c und \u201efalsch.\u201c Die \u201erichtig\/falsch Kategorien der Uhrzeit machen aus Zeitgenossen und Zeitgenossinnen \u201ep\u00fcnktliche\u201c und \u201eunp\u00fcnktlich\u201c Zeitgenossen und Zeitgenossinnen und unterscheiden sie in \u201etaktvolle\u201c \/ \u201etaktlose\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verlaufsmuster des Uhrentaktes ist die Abfolge des \u201eEins-nach-dem-an- deren\u201c. In der industriellen Fertigung f\u00fchrt dies zum Flie\u00dfband, in Baumschulen zur akkuraten Reihung der Pflanzungen. Die Transformation des uhrzeittypischen Eins-nach-dem-anderen auf Verl\u00e4ufe in der Verwaltung ist unter dem Namen \u201eB\u00fcrokratie\u201c gel\u00e4ufig. In ihr liefert der Uhrentakt das Vorbild f\u00fcr die funktionale Vernunft der Organisation. Zum anderen wiederum ist es die B\u00fcrokratie, die die Prinzipien der Uhr, ihres ziellosen Zeigerlaufs und ihres Taktes f\u00fcr die Ordnung der Arbeit und der Gesellschaft attraktiv und verbindlich macht. Uhrzeit und B\u00fcrokratie f\u00f6rdern und st\u00fctzen sich wechselseitig. Die vor 600 Jahren mit der Erfindung der mechanischen Uhr beginnende Abl\u00f6sung der Zeitordnung, des Zeitmusters und der Zeitsignale vom Naturkontext geh\u00f6rt zu den wirkm\u00e4chtigsten und folgenreichsten Richtungs\u00e4nderungen des Abendlandes. Die \u201eBezifferung\u201cder Zeit durch die Uhr f\u00fchrte zu einer ra- dikal ver\u00e4nderten Zeitwahrnehmung und zu einem bis dahin unbekannten Zeit-erleben. Die vertaktete Zahlenzeit, im Alltag sprechen wir von Terminen, Daten, Fristen und Deadlines, dominiert das Zeitdenken und das Zeithandeln und macht aus einer Welt der zeitlichen Vielfalt eine standardisierte Einheits- zeit. Es ist diese uniforme, artifizielle Uhrzeit die f\u00fcr eine kalkulatorische Grundhaltung in ann\u00e4hernd s\u00e4mtlichen Lebenswelten der Gesellschaft sorgt. \u201eDie moderne Welt beginnt\u201c schreibt der Naturphilosoph Schelling, \u201eindem sich der Mensch von der Natur losrei\u00dft.\u201c Forciert wird diese Trennung von der mechanischen Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles das, was wir heutzutage \u00fcber Zeit denken, sagen und mit ihr tun, ist vom Vorbild \u201eUhr\u201c beeinflusst. Was wir Arbeitszeitdisziplin nennen &#8211; das gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Arbeit in den Fabriken, den B\u00fcros und den Beratungszimmern &#8211; ist Uhrzeitdisziplin. Es ist die Vorstellung einer linearen, auf einer Geraden verlaufenden Zeit, die sich klein hacken l\u00e4sst. Stunden, Minuten und Sekunden erlauben es, Ereignisse und Handlungen auf den Zeitpunkt ihres Eintritts und ihres Verlaufs hin zu markieren, zu planen und zu kontrollieren. Die Uhr \u00fcbertr\u00e4gt ihren mechanischen Charakter, ihre Taktimperative auf ihre Nutzer und deren Lebenswelten und wie es Ludwig Thoma in seiner Posse \u201eEin M\u00fcnchner im Himmel\u201c parodiert, sogar in die zeitlosen Gefilde der Se- ligen: \u201eVon morgens acht Uhr bis mittags zw\u00f6lf Uhr \u201eFrohlocken\u201c, von mittags zw\u00f6lf Uhr bis acht Uhr abends \u201eHosianna-Singen.\u201c Bei Ludwig Thoma hat selbst der seiner Zeitkompetenz beraubte liebe Gott von den Erfindern der \u201eSeelenlosigkeit des mechanischen Gro\u00dfbetriebs\u201c (Walter Rathenau) gelernt. Die wohl perfekteste Umsetzung des Uhrzeitregimes und seiner Taktimperative findet man bei dem US-amerikanischen Arbeitwissenschaftler Frederick Winslow Taylor in dessen Vorschl\u00e4gen zur Prozesssteuerung von Arbeitsabl\u00e4ufen. Diese zerlegt Taylor, stets dem Vorbild Uhr folgend, in Teilabschnitte und organisiert sie arbeitsteilig, um die gew\u00fcnschten Produkte in m\u00f6glichst kurzer Zeit herzustellen und die Abl\u00e4ufe in der Verwaltung so fix es geht abzuschlie\u00dfen. Der Takt zerteilt das Arbeitsgeschehen in Module mit strikten und verbindlichen Zeitvorgaben und zwingt die Arbeitenden zu einem monotonen Wiederholungshandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war die Absicht Taylors jeden Arbeitsschritt streng und eng zu takten, zu standardisieren und zu vereinheitlichen und den Leib der Arbeitenden zu entrhythmisieren um ihn uhrzeitkompatibel zu machen. Der vertaktete Leib soll dem naturwissenschaftlich-mechanistischen Ideal einer manipulier- und steuerbaren Maschine gleichen bei der die Kolben stampfen, die Mechanik tickt und rattert und das R\u00e4derwerk perfekt ineinandergreift. Nur diese, von allen Inhalten und Sinnbez\u00fcgen gereinigte naturdistanzierte Uhrzeit kann mit dem Geld eine enge Beziehung eingehen. Erst die Uhr, die dem Menschen eine abstrakte mechanische Zeit aufzwingt, verleiht der Zeit einen Tauschwert und macht sie zu einer Sache des Geldes und f\u00fcr den Kapitalisten zu einer des Profits. Beide, die Uhr und das Geld, beschr\u00e4nken sich jedoch nicht auf ihre spezifische Funktion als Zahlungsmittel und Zeitmessger\u00e4t, sie machen die Gesellschaft dar\u00fcber hinaus zu einer hochtourigen und ma\u00dflosen \u201eTut mir leid, keine Zeit\u201c Beschleunigungsgesellschaft und eliminieren mit den Rhyth- men die Zeitqualit\u00e4ten aus dem Lebensvollzug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIndustriegesellschaft\u201c ist die in Geschichtsb\u00fcchern gerne verwendete Be- zeichnung f\u00fcr die Taktgesellschaft. Der Takt der Uhr ist f\u00fcr das Funktionieren einer Gesellschaft verschmutzer Arbeiter, rauchender Schornsteine und feuerspeiender Hoch\u00f6fen so essentiell, wie Schmiermittel f\u00fcr das reibungslose Funktionieren von Maschinen. Doch nicht nur Arbeitsabl\u00e4ufe in den Fabriken, den Kontoren und den B\u00fcros werden in der Industriemoderne vertaktet, sondern auch das individuelle, das soziale und das gesellschafliche Leben jenseits der Produktionsst\u00e4tten. Vertaktet wird der Personen- und der G\u00fctertransport (Fahrpl\u00e4ne), vertaktet wird die Fernkommunikation (Telefontakte), die Zeiten des Einkaufs und des Konsums (Ladenschlusszeiten) und taktm\u00e4\u00dfig organisiert werden die Zeiten der Bildung und der Qualifizierung (Lehr-, Stunden- und Studienpl\u00e4ne). Zur Geschichte wachsender Naturdistanz durch Vertaktung geh\u00f6rt auch der Abschied des vierbeinigen Pferdes als Arbeits-, Zug- und Lasttier und dessen Ersatz durch maschinelle Pferdest\u00e4rken. Auch dies einer jener folgenreichen Schnitte durch das Band, das die Zeit und die Menschen einst mit der Natur verbunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Takt ist ein mechanisches, ein \u201etotes\u201c Zeitmuster. Leben findet jenseits der vertakteten Welt statt. Der Takt bringt das Lebendige zum Verschwinden. Das Tick-Tack der Uhrenmechanik reagiert nicht auf das Wetter und dessen Kapriolen, es verh\u00e4lt sich ignorant zu Helligkeit und Dunkelheit, interessiert sich weder f\u00fcr Stimmungen, Gef\u00fchlslagen und die aktuelle Lebenssituation jener Subjekte, die auf die Uhr schauen. Im Gegensatz zur stets richtig gehenden Sonnenuhr, die bekanntlich nur die sch\u00f6nen Stunden anzeigt und das Vergehen der Zeit ger\u00e4uschlos begleitet, kommentiert die mechanische Uhr das Werden und Vergehen mit einem mal mehr, mal weniger lauten Tick-Tack. Die das Leben auf Distanz haltende Uhr und deren bezifferbare, lineare Zeit kann der Mensch nur dosiert ertragen. Fabriktore, Bahnh\u00f6fe, Verwaltungsgeb\u00e4ude sind Orte, an denen man Uhren erwartet. In Kinderzimmern haben Uhren jedoch so wenig verloren wie in elterlichen Schlafzimmern. Im Wald sind sie so \u00fcberfl\u00fcssig wie im Innern von Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Zeitmuster: \u201eRhythmus\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRhythmus\u201c nennen wir jenes Formprinzip zeitlicher Dynamik, das die menschliche mit der pflanzlichen und der tierischen Natur und mit den Zyklen des Kosmos verbindet. Der Rhythmus ist geordnete Freiheit, ist das Zeitgesetz des Lebendigen. Der dem Lebendigen, Vitalit\u00e4t und Kraft verleihende Rhythmus ist so etwas wie der rote Zeitfaden im bunten Teppich der Natur. Er verbindet Altes mit Neuem, Vergangenes mit Gegenw\u00e4rtigem und Zuk\u00fcnftigem, integriert Gewohntes in Ungewohntes, wiederholt und erneuert. Merkmal der Bewegungsfigur \u201eRhythmus\u201c ist die variable Wiederholung von Themen, Ereignissen und Vorkommnissen. Der Rhythmus wiederholt Zust\u00e4nde in \u00e4hnlicher und nicht wie der Takt, in identischer Form. Er ist elastisch, flexibel und reagiert auf Einfl\u00fcsse der Um- und der Mitwelt. Rhythmen erlebt man beim Ein- und Ausatmen und bei dem \u00fcber den Tag pulsierenden Wechsel der Phasen von Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t. Die Variabilit\u00e4t der Atemzyklen, der Umfang der Atemz\u00fcge und ihr Tiefgang sind situationsgebunden, ver\u00e4ndern sich in Abh\u00e4ngigkeit vorangegangener Anstrengungen und Belastungen. Auch die \u00e4u\u00dfere Natur pulsiert in rhythmischem Werden und Vergehen. Das Wachstum von B\u00e4umen bildet sie in Jahresringen ab. Terminkalender suggerieren in ihrer Anordnung einen vertakteten Ablauf des Jahres, ihre Nutzer aber erleben einen rhythmischen Verlauf: Jedes Jahr Fr\u00fchling, Sommer, Herbst und Winter, stets in gleichbleibender Reihenfolge, niemals jedoch von best\u00e4ndiger Qualit\u00e4t. Jeder Jahresverlauf: Wiederholung mit Abweichung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Griechen der Antike sahen in der rhythmischen Dynamik die wirkm\u00e4chtige Kraft eines geregelten Wandels der zugleich die Ver\u00e4nderung der bestehenden Ordnung m\u00f6glich macht. Trennt der Takt scharf zwischen richtig und falsch, so pendelt der Rhythmus zwischen den Polen des Angemessenen und des Unangemessenen. Rhythmen lassen und er\u00f6ffnen Spielr\u00e4ume und zeigen sich im Rahmen ihrer Schwankungen elastisch, flexibel und geschmeidig. Die Rhythmizit\u00e4t lebendiger Systeme sorgt f\u00fcr ein pulsierendes, variables Leben, schwingend zwischen Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t, H\u00f6hen und Tie- fen, Zuf\u00e4lligem und Geplantem, Anf\u00e4ngen und Abschl\u00fcssen, Werden und Vergehen. Das Herz schl\u00e4gt rhythmisch, der Uhrzeigerverlauf hingegen ist stets der gleiche. Rhythmen sind sch\u00f6pferisch, innovationsfreundlich. Der sich abweichungslos wiederholende Takt verleiht Sicherheit. \u201eDer kreative Prozess ist rhythmisch\u201c, so Whitehead in seinem Hauptwerk \u201eProzess und Realit\u00e4t\u201c. Das von Chronobiologen ungl\u00fccklich als \u201eInnere Uhr\u201c beschriebene menschliche Zeitprogramm koordiniert den Organismus mit den Ver\u00e4nderungen der Au\u00dfenwelt und stimmt auf diese Weise die K\u00f6rperaktivit\u00e4ten mit den Gegebenheiten und den Dynamiken der Umwelt ab. In einer Uhrzeitgesellschaft f\u00e4llt es Subjekten h\u00e4ufig schwer, den eigenen Rhythmen zu folgen und sich mit ihnen durch Resonanzen zu verbinden, da ihnen ihre Um- und Mitwelt den Takt aufn\u00f6tigt. Die dabei entstehenden Entfremdungspobleme bekommen vor allem Fernreisende zu sp\u00fcren, die nach einem Flug \u00fcber mehrere Zeitzonen hinweg einen Zustand beklagen, den sie \u201eJetlag\u201c nennen. Bei diesem handelt es sich um eine Desynchronisation leiblicher Zeitgeber und den Zeitanforderungen der Umwelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie es Menschen nicht m\u00f6glich ist, sich den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen, so wenig k\u00f6nnen sie sich ihrer Zeitnatur, ihrer rhythmischen Konditionierung entledigen. Das gelingt ihnen, obgleich vielfach versucht, selbst nicht mit jenen Mitteln, die zur Manipulation der Stimmungs- und Gef\u00fchlswelt in Apotheken und Drogerien bereitgehalten werden. Selbst in Situationen, in denen die Diktatur der Uhr und die Imperative des Takts die Unterdr\u00fcckung des Rhythmus verlangen, kann der Mensch seine Rhythmizit\u00e4t nicht still stellen um sie wie einen Regenschirm f\u00fcr ein paar Stunden an der Garderobe ab- geben. \u201eWir k\u00f6nnen die Natur nur beherrschen, indem wir uns ihren Gesetzen unterwerfen\u201c (Francis Bacon). Karl Kraus hat dies vor \u00fcber 100 Jahren (1917), als das vertaktete Telefon dabei war, seinen bis heute anhaltenden Siegeszug zu starten, in einem sch\u00f6nen Vergleich auf den Punkt gebracht: \u201eOhne Telefon kann man nur deshalb nicht leben, weil es das Telefon gibt. Ohne Wald wird man nie leben k\u00f6nnen, auch wenn\u2019s l\u00e4ngst keinen Wald mehr geben wird.\u201c Den Menschen liegt, so jedenfalls feiert es eine Schlagerweisheit, der Rhythmus im Blut. Wir kennen Gesellschaften, die keine Uhren haben, bei denen der Tag kein Datum besitzt und Kinder nicht zur Schule gehen. Zugegebenerma\u00dfen, heute sind es nicht mehr allzu viele. Was wir auf diesem Planeten jedoch nicht kennen, sind Kulturen, die keine Musik haben und deren Mitglieder nicht tanzen; nicht eine einzige. Die Musik, die im wahrsten Sinne des Wortes Herzen h\u00f6herschlagen l\u00e4sst, ist die Muttersprache der Menschheit. Das Leben ist eine Symphonie der Rhythmen. Begegnungen mit musikalischer Rhythmik f\u00fchren zu Resonanzen und pr\u00e4gen Stimmungen. Sie gehen zu Herzen, dirigieren den Herzschlag, die Atemfrequenz, den Blutdruck, die Muskelspannung und f\u00fcgen motorische und sensitive Funktionen zusammen. Musikalische<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rhythmen bauen Aggressionen ab, beeinflussen die Konzentration und die Leistungsf\u00e4higkeit und, damit operieren Kaufhausmanager, sie manipulieren das Verhalten.<br>Leben ist auf Dauer ausschlie\u00dflich als rhythmisches Leben m\u00f6glich. Dies ist ein Naturgesetz, das f\u00fcrs individuelle Dasein ebenso gilt, wie f\u00fcr die soziale Existenz einschlie\u00dflich ihrer technischen Ausstattung. \u201eDie Architektur ist nur ein Steinhaufen, die Statue nur Material, die Prosa blo\u00dfer L\u00e4rm; und die Redekunst f\u00e4llt zur\u00fcck in Unsinn und Langeweile, wenn ihr der Rhythmus und das Auf und Ab der Betonungen fehlen\u201c (Michel Serres: \u201eDie f\u00fcnf Sinne\u201c, 1993, S.161).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der menschliche K\u00f6rper reagiert auf ein Leben gegen die Rhythmen der inneren und der \u00e4u\u00dferen Natur mit Symptomen der Entfremdung, mit Erm\u00fcdung, Ersch\u00f6pfung und depressiver Verstimmung. Gegen solche Formen resonanter Privatinsolvenz wehrt er sich unter anderem durch eine Reaktion f\u00fcr die man sich die Metapher vom \u201eBurnout\u201c hat einfallen lassen. Lebenskrisen, Entfremdungszumutungen sind zu einem Gro\u00dfteil Folgen von Rhythmusdefiziten und Resonanzverstummen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In milder Form f\u00fchren sie zu einer nur schwer stillbaren Sehnsucht nach Idyllen heiler Natur, die urbane Zeitgenossen, 90 Prozent von ihnen verbringen ihre Lebenszeit heute in geschlossenen R\u00e4umen, zuweilen auf die Idee bringen, das Garagendach zu begr\u00fcnen. Und\/oder einen Waldspaziergang zu machen. Um den Zumutungen der Vertaktung Einhalt zu bieten, verlassen St\u00e4dter regelm\u00e4\u00dfig mit vielen Gleichgesinnten die Betonschluchten und Topfpflanzenumgebungen ihrer Wohnungen um im nahen und fernen Gr\u00fcnen zu finden, was es dort schon lange nicht mehr gibt, das Erlebnis unber\u00fchrter Natur. Getrieben von der Illusion, jenseits der betonierten Areale l\u00e4ge das Paradies und unterst\u00fctzt von \u00f6kopsychologischer Ratgeberliteratur wandern sie mit Walkingst\u00f6cken, Funktionsunterw\u00e4sche, Treckingrucksack und GPS-Daten auf ihrem Smartphone durch W\u00e4lder und Auen, klettern auf Berge und st\u00fcrzen sich in die Wellen des Meeres. Von ihren Naturkontakten erhoffen sie sich, was sie in der \u201eApotheken Umschau\u201c gelesen haben: \u201eNaturerleben f\u00f6rdert das Wohlbefinden durch Entlastung vom Alltagsstress, Aufhellung der<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stimmung, Erh\u00f6hung der Zufriedenheit, einer besseren Schlafqualit\u00e4t und einem stabileren Kreislauf\u201c.<br>Zu Wohlstand gekommene Zeitgenossen versprechen sich vom Weinbau, fernab von der Hektik des Marktgeschehens und weit weg von der hastigen Medienwelt ein \u201eZur\u00fcck zu den Wurzeln\u201c und ein Wiedereinklinken in die Rhythmen und Resonanzen der Natur. W\u00e4hrend die Kleinverdiener, die den Neuwinzern den Wohlstand erarbeitet haben, \u00e4hnliches von der Pflege ihrer Parzelle im Kleingartenverein \u201eLebensfreude\u201c erhoffen. Vor 200 Jahren fand Joseph Freiherr von Eichendorf daf\u00fcr die zutreffenden Reime: \u201eDa drau\u00dfen, stets betrogen\/Saust die gesch\u00e4ft\u2019ge Welt,\/ Schlag noch einmal die Bogen\/Um mich, du gr\u00fcnes Zelt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In welcher Form die Hinwendung zur Natur auch immer erfolgt, sie ist stets auch eine Flucht und eine Abwendung von den Zeitzumutungen einer technisch-maschinell vertakteten Lebenswelt, von einer \u00dcberausstattung mit Ger\u00e4ten und Maschinen, von b\u00fcrokratischem Ansinnen und einem \u00dcberma\u00df an Takt- und Terminzw\u00e4ngen. In kontrollierten Fluchten in die Natur wird daf\u00fcr Trost und Kompensation gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ordnung im Rahmen des Verg\u00e4nglichen, die wir mit der Koordination der Zeitmuster Rhythmus und Takt machen, gelingt selten problemlos. Normal sind Konflikte, Spannungen und Konkurrenzen zwischen den Zeitvorgaben der Uhr und den Zeitsignalen, die von der \u00e4u\u00dferen Natur und vom K\u00f6rper aus- gehen. Dramatisch zeigen sie sich diese Konflike beim Start in die Arbeitswoche. Schlafprobleme, Unlustgef\u00fchle bis hin zu Panikanf\u00e4llen begleiten den Wechsel vom rhythmischen Wochenendleben zur vertakteten Arbeit an der Maschine und im B\u00fcro. Verglichen mit Freitagen berichtet die \u201eBerufsgenos- senschaft f\u00fcr Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege\u201c, liegt die Quote bei den Arbeitsunf\u00e4llen an Montagen bis zu 30 Prozent h\u00f6her als am Ende der Woche. Warum? W\u00e4hrend die vertakteten Maschinen und Ger\u00e4te zu Arbeitsbeginn sofort mit vollem Tempo starten, ben\u00f6tigen die an und mit ihnen arbeitenden rhythmisierten Personen \u00dcbergangs- und Anlauf-Zeiten. Menschen m\u00fcssen sich, beginnen sie etwas Neues, zuerst \u201ewarm\u201c laufen, brauchen Zeit, um auf jene Tick-Tack Hochtouren zu kommen, mit denen die Maschinen durch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Knopfdruck starten. Menschen brauchen Anlaufzeiten, \u00dcbergangszeiten, Zwi- schenzeiten und Wartezeiten. Das Kippschalterprinzip des \u201eein\/aus\u201c und die Linearit\u00e4t der Zeitvorgaben, die weder ein vitales Leben noch ein resonantes Erleben zulassen, sind der menschlichen Zeitnatur fremd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Neue Zeiten braucht das Land<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Takt, \u00fcber lange Zeit die wirkm\u00e4chtigste Integrationskraft der Gesellschaft, verliert seine Dominanz als Richtschnur der Zeitgestaltung. Die digitalisierte Gesellschaft organisiert ihre individuellen und ihre kollektiven Zeiten anders als es in der Industriegesellschaft der Fall war. In einer zunehmend vernetzten Welt, in der, was geschieht, immer h\u00e4ufiger rund um die Uhr, also jederzeit passiert, kann man auf die Uhr, ihre Zeit und ihren Takt verzichten. Nach einer erfolgsverw\u00f6hnten Vergangenheit, in der die Ums\u00e4tze der Gebrauchsuhren von Rekord zu Rekord eilten, ist sie daher heute in der Auslaufzone angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die postindustrielle Zeitrealit\u00e4t verlangt nicht l\u00e4nger mehr ein einheitliches Zeitmuster, sondern die Koordination zahlreicher Einzelzeiten und das Jonglieren mit unterschiedlichen Zeitqualit\u00e4ten. Die Zeitgestaltung des Daseins wird zum Dauerexperiment bei dem das zeitliche Geschehen nicht mehr der klassischen Uhrzeitlogik folgt, sondern der von Robert Musil im \u201eMann ohne Eigenschaften\u201c eindrucksvoll beschriebenen: \u201eWie alle gro\u00dfen St\u00e4dte bestand sie aus Unregelm\u00e4\u00dfigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenst\u00f6\u00dfen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem gro\u00dfen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen ge- geneinander &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVom Takt zum Rhythmus\u201c lautet das Zeitprogramm der Transformation von der technik- zur naturbasierten Energieproduktion. Zugleich ist diese Umstellung von endlichen zu ann\u00e4hernd unersch\u00f6pflichen, sich stetig erneuernden Energiequellen der Schritt von linearer auf nicht-lineare Zeitorganisation, einer exakten Abfolge zum periodisch Ungef\u00e4hren. Wir m\u00fcssen uns von dem den Zeitdynamiken der lebendigen Natur widersprechenden Prinzip des<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlles-immer-und-\u00fcberall\u201c, an das wir uns gew\u00f6hnt hatten, heute verabschieden. Die linear voranschreitende Uhrzeit und das vermeintlich \u00fcber die Natur und deren Rhythmizit\u00e4ten herrschende Subjekt, das sich in seinem Zeithandeln unabh\u00e4ngig von der Natur, ihrer Gesetze und des Schicksals w\u00e4hnt, verlieren ihre Funktion als Leitbild des Zeitlebens und des Zeiterlebens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um unserer Naturdistanz Grenzen zu setzen, fordern Sozial- und Rechtswissenschaftler einer Erg\u00e4nzung im Grundgesetz, die der Natur einen Eigenwert und ein Eigenrecht mit Anspruch auf Regeneration, Pflege und Bestandserhaltung zugesteht. Solch ein Schutz der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen schl\u00f6sse dann den Schutz rhythmischer Prozessabl\u00e4ufe ein. Ohne \u00c4nderung unseres gewohnten Lebensstils und der Grundausrichtung unserer kulturellen Zeitorganisation wird dies nicht gehen zumal diese uns durch die sozial\u00f6kologische Transformation der Energieversorgung aufgezwungen wird. Aus Zeitsicht ist dies ein Umbruch von einer Zeitorganisation und einer Zeitgestal- tung, die sich auf nicht verhandelbare Zeitgesetze st\u00fctzen hin zu einer \u00f6ko-sozialen Zeitpraxis vers\u00f6hnter Verschiedenheit kulturell-technisch hergestellter und nat\u00fcrlicher Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erneuerbaren Energien verlangen die \u00c4nderung unseres Zeitdenkens und unseres Zeitverhaltens, politisch, sozial, aber auch individuell. Wissen m\u00fcssen wir nicht mehr, was die Stunde geschlagen hat, ob es sechs oder sieben Uhr ist, wir m\u00fcssen wissen, ob\u2019s hell oder dunkel, wie das Wetter ist oder ob Windstille herrscht. Das ist zugleich der Abschied von der Alles-immer-und-\u00fcberall Mentalit\u00e4t. An deren Stelle tritt das Denken und Handeln in Perioden, Rhythmen und saisonalen Zyklen. Vielleicht, das aber ist spekulativ, wird dann die mechanische Uhr ihren erhabenen Platz auf dem Zeitthron an die Sonnenuhr abgeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Energiewende ist eine Zeitenwende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erneuerbaren Energien bestehen aus verschiedenen Formen der von der Natur gelieferten Energieformen. Am deutlichsten bei der Sonnenenergie, in den technischen Formen der Photovoltaik und der Solarthermie. Beide Technologien nutzen die Strahlung der Sonne. Die eine, indem sie das Licht der Sonne in elektrische Energie verwandelt, die andere, indem sie aus der Strahlung W\u00e4rme macht. Aber, wie bekannt, scheint die Sonne nicht den ganzen Tag. Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse und so entstanden Tag und Nacht. Nachts scheint die Sonne zwar auch, aber sie steht nicht am Nachthimmel. Deshalb kann ihre Strahlung w\u00e4hrend der dunklen Stunden auch nicht zur Umwandlung in Energie genutzt werden. Kurzum, ohne Energiespeicher, wird es in Zukunft jede Menge nutzbarer Sonnenenergie am Tag geben, keine aber in der Nacht. Immerhin sind die Rhythmen der Nutzbarkeit des Sonnenlichtes sehr gut berechenbar, was einer zuk\u00fcnftigen Anpassung an die Energienutzung entgegenkommt. Aber ganz offensichtlich wird bereits an diesem Beispiel klar, dass es g\u00fcnstig sein k\u00f6nnte, sich an den Tag-Nacht-Rhythmus anzupassen und Energie dann zu verbrauchen, wenn sie vorhanden ist. G\u00fcnstig w\u00fcrde schlicht bedeuten, den Aufwand f\u00fcr Energiespeicherung soweit zu verringern, wie dies m\u00f6glich ist. Ein Flie\u00dfgleichgewicht w\u00e4re anzustreben, also ein \u201eFlow\u201c. Dabei kommt so viel Energie rein, wie verbraucht wird, plus Reserve. Im heutigen Energieversorgungssystem ist es genau dieser \u201eFlow\u201c, der das R\u00fcckgrat f\u00fcr eine stabile Verteilung und Versorgung mit elektrischer Energie darstellt. Mit anderen Worten, unser Energiebedarf kann rund um die Uhr an allen Tagen der Woche, also immer befriedigt werden. Jedoch nur mit dem \u201ealten\u201c, von gro\u00dfen Kraftwerken erzeugten Strom. Diese Energiefreisetzungseinrichtungen sind grundlastf\u00e4hig, d.h. sie k\u00f6nnen wirklich zu jeder Zeit rund um die Uhr genau die gew\u00fcnschte Energiemenge bereitstellen. Sie k\u00f6nnen immer. Und an dieses \u201eEnergie beliebig viel und immer\u201c haben wir uns in s\u00e4mtlichen Lebenslagen l\u00e4ngst gew\u00f6hnt. Es m\u00fcssen nur die n\u00f6tigen Rohstoffe da sein. Stoffe, die aus dem Erdboden kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, woher denn die Rohstoffe f\u00fcr seine Maschinenproduktion kommen, antwortete ein Unternehmer: \u201eDie werden geliefert\u201c. Genau, die werden geliefert. Woher sie stammen, unter welchen Bedingungen sie dem Boden entnommen, ja entrissen werden, oder welche Umweltsch\u00e4den sie anrichten, danach wird nicht gefragt, sie werden ja geliefert. Und mit der Energie war das bis jetzt genauso, auch die wird geliefert. Sie kommt von irgendwo her, meistens untergr\u00fcndig und unsichtbar per Stromkabel, sichtbar wird das nur am sich drehenden Stromz\u00e4hler. Welcher technische Aufwand dahinter steckt, elektrische Energie, also diese Premiumform an Energie \u00fcberhaupt bereitzustellen und dann per Hochspannungsleitung und sp\u00e4ter per Nieder- spannungskabel zu verteilen, das wei\u00df kaum jemand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben unsere beschleunigte Lebens- und Wirtschaftsweise mit grandioser Unwissenheit bezahlt. Wir wissen nichts mehr dar\u00fcber, was eigentlich alles unbedingt notwendig ist, um so schnell, so intensiv und sofort zu leben und zu handeln. Die digitalen Netze haben diese Verdichtungen zu einem Maximum getrieben und verlangen einen st\u00e4ndigen andauernden Energiefluss in die Ger\u00e4te und Netze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser hypermodernes Sosein ist eine Existenz auf einer sehr d\u00fcnnen Wissensschicht \u00fcber die wirkliche Welt. In dieser wirklichen Welt gibt es die vier Jahreszeiten, mit ihren, selbst in Zeiten des Klimawandels immer noch unterschiedlichen Vegetations- und Wetterph\u00e4nomenen. Es gibt die Rhythmen von Fauna und Flora, die Schwingungen und den Zeitenwechsel in der Atmosph\u00e4re und in den Meeren, das Auf und Ab der Gezeiten. Das ist eine gro\u00dfe Leistung, die der Planet bereitstellt. Wir nehmen diese Leistung bis jetzt aber gar nicht wahr. Sie wird als gegeben, als selbstverst\u00e4ndlich angenommen. Wir haben uns an die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung einer unersch\u00f6pflich, uns \u00fcberall zur Verf\u00fcgung stehenden Natur gew\u00f6hnt. Alles war stets in beliebiger Menge vorhanden, vor allem Rohstoffe und Energie. Sie standen immer zur Verf\u00fcgung, rund um die Uhr, ohne Pause, ohne Ausnahme und ohne Bezug zur Zeit. Diese bisher gedankenlose \u201eZeitlosigkeit\u201c bei der Bereitstellung von Energie f\u00fchrt bei der Umstellung auf erneuerbare Energien zu gravierenden Zeitkonflikten, vor allem was den Umgang mit ihr und ihren Qualit\u00e4ten betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ressourcen erneuerbarer Energien kommen von allein. Aber nicht immer. Im Grunde sind alle erneuerbaren Energien entweder direkte oder indirekte Sonnenenergie. Die Sonne speist unseren Planeten mit Strahlung und W\u00e4rme, die vom Erdsystem umgewandelt wird. Unter anderem in die:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Erw\u00e4rmung der Atmosph\u00e4re<\/li>\n\n\n\n<li>Zirkulation der Atmosph\u00e4re<\/li>\n\n\n\n<li>Biotische Aktivit\u00e4t<\/li>\n\n\n\n<li>Zirkulation der Meere<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erde ist also auch eine W\u00e4rmekraftmaschine, jedoch nur aus dem Blickwinkel der Physik und der Technik. Aus der Perspektive der Systemwissenschaften, ist die Erde ein System, ein Netz, ein sehr komplexes Netzwerk. Die Sph\u00e4re der Natur setzt sich aus mehr oder weniger eng miteinander verbun- denen und miteinander Stoffe und Energie austauschenden Teilnetzwerken zusammen. Eine davon ist die Biosph\u00e4re, die aus allem was lebt und vergeht besteht. Das Potential dieser Sph\u00e4re f\u00fcr erneuerbare Energien und allen anderen Themen der Nachhaltigkeit und den Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Klimaschutz h\u00e4ngt mit den Vegetationsperioden zusammen. Holz w\u00e4chst nicht beliebig schnell. Die Wachstumszeitskalen f\u00fcr W\u00e4lder und damit deren Nutzbarkeit f\u00fcr die Speicherung von Kohlenstoff oder als Brennmaterial liegen zwischen Jahren und Jahrzehnten, nicht jetzt, nicht unmittelbar. Die Nutzung von Pflanzen erfolgt zwischen Fr\u00fchling und Herbst, da sie in diesen Monaten wachsen und vergehen. Die atmosph\u00e4rischen Zeitskalen der Nutzung von Sonne oder Wind, verlaufen neben der kurzzeitigen Nutzung \u00fcber Tag und Nacht, auch \u00fcber die dunkleren und st\u00fcrmischen Jahreszeiten Herbst und Winter beziehungsweise die helleren und w\u00e4rmeren Fr\u00fchling und Sommer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wasserkraft k\u00f6nnte eine zeitlich stabile Energiequelle sein, solange Wasser gestaut und dann in elektrische Energie verwandelt werden kann. Wenn aber, wie die Klimaszenarien der nahen Zukunft zeigen, es immer wieder zu zu vielen oder zu geringen Niederschl\u00e4gen kommt, dann sind die Fl\u00fcsse und B\u00e4che entweder zu leer oder zu voll und dann auch zu schnell. Leider kann deshalb unter den Randbedingungen der aktuellen und zu erwartenden Er- w\u00e4rmung und der Extremwetterereignisse auch nicht von einer immer zuverl\u00e4ssig greifbaren Energiequelle gesprochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einzig die innere W\u00e4rme der Erde, die Geothermie und deren Nutzung f\u00fcr Heizung und Strom kann als \u201ezeitlose\u201c Energiequelle angesehen werden. Sie ist allerdings nur lokal nutzbar und steht in vielen Regionen Deutschlands nicht zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziehen wir ein Fazit. Die dringend notwendige m\u00f6glichst rasche Nutzung von ausschlie\u00dflich erneuerbaren Energien, stellt nicht nur eine gro\u00dfe technische Herausforderung dar, sie wird auch vom Wirtschaftssystem und dem privaten Bereich eine v\u00f6llig neue Zeitkultur verlangen. Die nat\u00fcrlichen Rhythmen legen sich wie eine planetare Schablone auf die M\u00f6glichkeiten der Energiebereitstellung und Energienutzung. Bedenkt man, dass alleine die technische Transformation zu den erneuerbaren Energien f\u00fcr den Klimaschutz zu einer maximal angestrebten Erw\u00e4rmung von 1,5 oder 2 Grad nicht ausreicht, dann wird offensichtlich, dass es ohne zeitliche Verhaltens\u00e4nderungen der Energie- verbraucher nicht geht. Kurz und hart: wir werden ann\u00e4hernd die H\u00e4lfte der bisher genutzten Energie einsparen m\u00fcssen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine nennenswerte Menge an Energie werden wir aber nur dann einsparen, wenn sich unser Energienutzungsverhalten an die nat\u00fcrlichen Rhythmen anpasst. Aus der \u201ejust in time\u201c- und der \u201ealles immer und \u00fcberall\u201c -Ideologie des beschleunigten globalen Kapitalismus muss eine ganz neue, sich an die zeitlichen Abh\u00e4ngigkeiten der Verf\u00fcgung von nat\u00fcrlichen Energiequellen ber\u00fccksichtigenden Wirtschafts- und Lebensweise entwickeln. Die \u00f6konomischen Zw\u00e4nge eines stetigen Wachstums auf Kosten der Natur m\u00fcssen durch eine die Natur respektierende Wirtschafts- und Lebensart ersetzt werden. Im Prozess des Produzierens und des Konsumierens werden zeitliche Variabilit\u00e4ten, Pausen und Unterbrechungen wichtiger werden. Irgendwann ist dann auch genug wirklich genug. Die Natur und ihre Zeiten werden es uns danken, wenn wir hin und wieder die Uhr ignorieren, sie vergessen oder zur Seite legen und uns als lebendigen Teil des gro\u00dfartigen planetaren Netzwerks verstehen und erfahren. Zumal auch unser pers\u00f6nliches Gl\u00fcck nicht zuletzt darin besteht, nicht zu wissen, wieviel Uhr es ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus UNIVERSITAS 9\/22 Schwerpunkt \u201eEnergie\u201c www.heidelberger-lese-zeiten-verlag.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wird heute u\u0308ber Energiepolitik gesprochen, dann in den allermeisten Fa\u0308llen u\u0308ber Energiewendepolitik. 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