{"id":2871,"date":"2020-07-31T16:08:27","date_gmt":"2020-07-31T14:08:27","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=2871"},"modified":"2020-07-31T16:08:27","modified_gmt":"2020-07-31T14:08:27","slug":"brandeins-boxenstopp-mach-mal-pause-das-sagt-sich-leicht-wir-sollten-lernen-wie-das-geht-mit-karlheinz-geissler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/brandeins-boxenstopp-mach-mal-pause-das-sagt-sich-leicht-wir-sollten-lernen-wie-das-geht-mit-karlheinz-geissler\/","title":{"rendered":"brandeins &#8211; Boxenstopp: Mach mal Pause \u2013 das sagt sich leicht. Wir sollten lernen, wie das geht. Mit Karlheinz Gei\u00dfler"},"content":{"rendered":"<p>Text: Wolf Lotter, Juli 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.brandeins.de\/magazine\/brand-eins-wirtschaftsmagazin\/2020\/pause\/boxenstopp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link zum Artikel auf brandeins.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>1. Die Turbo-Liturgie<\/h3>\n<p>Der spanische Filmemacher Luis Bu\u00f1uel war ein Meister des Absurden. In seinem Oscar-gekr\u00f6nten Werk \u201eDer diskrete Charme der Bourgeoisie\u201c geht es um die Irrt\u00fcmer und Missverst\u00e4ndnisse, die im wohlgeordneten b\u00fcrgerlichen Leben auftreten \u2013 eine fatale Geschichte, die etwas f\u00fcr heute sehr Wesentliches lehrt: Rituale und Regeln, alles, was wir gewohnt sind, kann sinnlos werden. Deshalb sollten wir regelm\u00e4\u00dfig ein wenig zur Seite treten und uns und unser Leben in den Blick nehmen: Was machen wir da gerade? Und ebenso wichtig: Was machen wir nicht?<br \/>\nWas bei Bu\u00f1uel auf den ersten Blick absurd wirkt, enth\u00fcllt beim zweiten, sch\u00e4rferen Hinsehen die Wirklichkeit. Sein Muster ist immer gleich und immer wirksam: Nach der Irritation folgt ein Schock, dann Einsicht, schlie\u00dflich eine Entscheidung.<br \/>\nSeinen vielleicht bizarrsten Filmstoff hat der 1983 verstorbene Regisseur nicht umgesetzt, aber dankenswerterweise hat ihn der M\u00fcnchener Zeitforscher Karlheinz Gei\u00dfler aus den Archiven geholt. Die Idee: Der Vatikan, \u201estets aufgeschlossen f\u00fcr die Errungenschaften der Zivilisation und des Sports\u201c will mit dem rasenden Tempo unserer Zeit mithalten. Schlie\u00dflich m\u00f6chte auch der Papst den Anschluss nicht verlieren, das musste man sich in Rom von religi\u00f6sen Mitbewerbern lange genug vorwerfen lassen. Wer rastet, der rostet. Man macht Tempo. Nur so geht es voran.<\/p>\n<p>In Bu\u00f1uels Szenario werden auf dem Petersplatz viele Alt\u00e4re aufgebaut, vor denen Priester im vollen Ornat stehen, assistiert von Ministranten. Diese absurd anmutende Anordnung dient einem Wettstreit, bei dem es darum geht, wer am schnellsten die Heilige Messe lesen kann \u2013 die Turbo-Liturgie.<br \/>\nNach dem Startsignal geht die heilige Post ab, wer ist als Erster fertig? Bald schon herrscht v\u00f6lliges Chaos, die Ministranten ringen nach Luft, manche Priester fallen \u00fcbereinander her oder geben auf. Am Ende gewinnt ein spanischer Priester namens Mos\u00e9n Rendueles, der den gesamten Text der Messe atem- und pausenlos durchgesprochen hat, in 1 Minute 45 Sekunden.<br \/>\nHalleluja, das ist Spitze!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>2. Pausenlos<\/h3>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, es handle sich bei Bu\u00f1uels Plot allein um Kritik an Kirche und Kapitalismus, also an den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen. Doch das sind nur die S\u00fcndenb\u00f6cke. Die Turbo-Liturgie lesen wir uns ganz allein, und nur wir sind in der Lage, sie wieder zu entschleunigen, wie es heute hei\u00dft, genauer gesagt: sein Leben in angemessenem, eigenem Tempo zu leben.<br \/>\nDie Riten aller Religionen sind, wie auch die Regeln der Kultur, der Gesellschaft und des Individuums, abh\u00e4ngig von dem, was zwischen dem Gesagten und den Taten geschieht: von den Pausen. Ohne sie geraten wir in ein Leben ohne Punkt und Komma, also jene den Lese- und Redefluss sinnvoll unterbrechenden Satzzeichen, die nicht einfach nur da stehen, damit man ein wenig Atem holen kann, bevor man weitermacht.<br \/>\nOhne Pausen kann man das, was vor und nach ihnen geschieht, nicht verstehen. Bu\u00f1uels Priester ist zwar der schnellste, aber er zerst\u00f6rt das, was die Messe ausmacht: die Konzentration der Gl\u00e4ubigen auf den Gegenstand ihres Glaubens. Der Fachbegriff daf\u00fcr lautet Kontemplation, ein Wort, \u00fcber das sich die Anh\u00e4nger der Turbokultur nur lustig machen k\u00f6nnen \u2013 die Kontemplativen sind f\u00fcr sie die Faulenzer, die Unt\u00fcchtigen.<\/p>\n<p>Nichts ist falscher als das: Denn das Wort bedeutet \u201egeistige Betrachtung\u201c. Kontemplative, Menschen, die sich konzentrieren und daf\u00fcr ihrem Gehirn auch mal eine Pause zum Reflektieren g\u00f6nnen, arbeiten mit ihrem Kopf, nicht, wie so viele andere, gegen ihn. Die Pause akzentuiert den Inhalt, sie schafft die Voraussetzung f\u00fcr den Sinn, das Verstehen, das Erkennen. Die Pause macht es m\u00f6glich, das Ganze zu denken, weil es in Teilen verstanden wird, die unser Gehirn und unser Gem\u00fct gleicherma\u00dfen verarbeiten k\u00f6nnen. Ohne Pause wird alles zur endlosen Wurst \u2013 und wir zu armen W\u00fcrstchen.<\/p>\n<h3>3. Zwischent\u00f6ne<\/h3>\n<p>Auch jeder Musiker wei\u00df, dass nicht nur der Ton die Musik macht, sondern das, was dazwischenliegt, die Pausen, die Abst\u00e4nde, die den Rhythmus und damit das Verst\u00e4ndnis von dem pr\u00e4gen, was wir h\u00f6ren \u2013 und verstehen. Die Musik braucht die Pause wie die Mathematik die Null. Daf\u00fcr ist niemand so bekannt wie der amerikanische Komponist John Cage und sein famoses St\u00fcck 4\u201833\u201c, das im Jahr 1952 komponiert wurde \u2013 und aus einer Pause besteht, die wiederum durch das Schlie\u00dfen und \u00d6ffnen des Deckels einer Klaviatur gegliedert wird. Das ist nat\u00fcrlich ein Gassenhauer unter Penn\u00e4lern geworden, denn, hahaha!, das soll Kunst sein? Na ja, ich jedenfalls h\u00f6re nichts!<\/p>\n<p>Doch auch wenn das viele nicht bgreifen: Es ist Kunst, und man h\u00f6rt etwas. N\u00e4mlich, was schon zum Zeitpunkt der Urauff\u00fchrung von Cages Werk kaum noch vorstellbar war: viereinhalb Minuten lang nichts, nur Stille. Im Aktionismus des Industriekapitalismus ist John Cages kurzes St\u00fcck eine Bitte um Aufmerksamkeit und Ruhe \u2013 und gleichsam ein Sakrileg. Es gibt wahrscheinlich mehr Bildungsb\u00fcrger, die lieber eine ganze Wagner-Oper durchschnarchen, als sich der Zumutung von weniger als f\u00fcnf Minuten Ruhe auszusetzen. Die Kultur des Flei\u00dfes braucht den ununterbrochenen Trubel, die Pausenlosigkeit, sonst wirkt ihr fauler Zauber nicht. Das ist in den Jugendkulturen nicht anders als im Arbeitsleben. Der L\u00e4rm macht schwerh\u00f6rig und taub. Das ist sein Zweck.<\/p>\n<h3>4. Stillstand<\/h3>\n<p>Das Wort Pause hat zwei Bedeutungen, die heute in scheinbarem Widerspruch zueinander stehen. Die eine ist Rast, die andere Stillstand. Eine Rast ist eine kurze Unterbrechung eines Prozesses, der danach umso besser weitergehen soll. Die Rast dient der Regeneration. Pausen in Schulen, B\u00fcros und Fabriken sind, ganz gleich, ob f\u00fcnf Minuten oder als Ferien deklariert ein paar Wochen lang, stets nur Mittel zum Zweck. Das ist modern.<br \/>\nStillstand wiederum ist ein Wort, mit dem die neue Zeit noch nie so recht konnte. Die Protestanten warfen den Katholiken vor, die B\u00fcrger dem Adel und die Sozialisten der Bourgeoisie, dass sie stillst\u00fcnden. Stillstand erinnert uns ans Aufh\u00f6ren, ans Ende, an Untergang und Tod. Deshalb sind die Moderne, also die Industrie und die \u201eprotestantische Ethik\u201c, der \u201eGeist des Kapitalismus\u201c, wie der Soziologe Max Weber es nannte, so untrennbar miteinander verbunden \u2013 wie \u00fcbrigens auch alle bekannten und m\u00f6glichen Gegenstr\u00f6mungen dazu. Pausenlosigkeit ist zum Ideal geworden. Man ist emsig und effizient, hat keine Zeit und hasst den Stillstand. Die Industrie \u2013 die Flei\u00dfwirtschaft \u2013 will rund um die Uhr laufen.<br \/>\nNun ist es nicht so, dass uns das nichts gebracht h\u00e4tte \u2013 im Gegenteil. Wir h\u00e4tten ohne diesen Flei\u00df heute keine M\u00f6glichkeit, dar\u00fcber nachzudenken, ob und wie wir eine Pause einlegen k\u00f6nnen. Wir h\u00e4tten schlicht keine Zeit daf\u00fcr, weil wir \u2013 jedenfalls die meisten von uns \u2013 rund um die Uhr mit der Sicherung unserer Existenz voll ausgelastet w\u00e4ren. Die Rastlosigkeit der Moderne hat das Wohlstands-Level gehoben. Man nennt eine Wirtschaft, die nicht w\u00e4chst, auch station\u00e4r, aber sie macht eben keine Pause, sondern kommt nicht vom Fleck.<\/p>\n<p>Der Stillstand ist der Albtraum des Industrialismus, aus gutem Grund. In der alten, von den Religionen gepr\u00e4gten Welt war das Jahr und damit auch die Wahrnehmung der meisten Menschen so klar gegliedert wie ihr ganzes Leben. Im Gro\u00dfen und Ganzen gab es das m\u00fchselige Diesseits und die Hoffnung auf ein endloses Jenseits, ein Paradies, in dem niemand mehr leiden und schuften musste. Dort lebte man ewig jung und in k\u00f6rperlicher Frische. Das Paradies war keine Pause, es war ewiger Stillstand. Fast alle Religionen haben derlei zum Ziel und die ihnen folgenden Ideologien ebenfalls. Das gro\u00dfe Versprechen lautet: Die ganze Plage im Diesseits ist nur irdischer Tand, w\u00e4hrend das Happy End keine Hast mehr kennt.<br \/>\nOhne Pause wird alles zur endlosen Wurst \u2013 und wir zu armen W\u00fcrstchen.<br \/>\nMit Menschen, die auf so etwas getrimmt sind, kann man einiges machen, nur eben keine effiziente Produktion hochziehen. F\u00fcr die braucht man ein Weltbild, in dem der Lohn im Jenseits im Hier und Jetzt verdient werden muss, durch gute Taten, sprich: harte Arbeit, Flei\u00df und Rastlosigkeit. Daf\u00fcr braucht man eine andere Taktung.<\/p>\n<h3>5. Knechtschaft<\/h3>\n<p>Im Mittelalter kannte man noch bis zu 80 Feiertage im Jahr. Gearbeitet, so hat es der \u00f6sterreichische Sozialhistoriker Thomas Ertl einmal festgestellt, wurde damals aber sicher nicht weniger, 2000 Stunden pro Jahr \u2013 eine Arbeitsmenge, die \u2013 so Ertl im \u00bbDeutschlandfunk\u00ab, heute in Deutschland gerade mal von Selbstst\u00e4ndigen erreicht wird, w\u00e4hrend Angestellte und Arbeiter, mit rund 350 Arbeitsstunden weniger pro Jahr ihr Auskommen finden, mehr als zwei Arbeitsmonate weniger also.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist die Arbeit, die unsere Vorfahren einst leisteten, nicht mit dem vergleichbar, was wir heute tun, weder f\u00fcr Angestellte noch f\u00fcr Freiberufler. Das Wort Knechtschaft beschreibt das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis der Feudalgesellschaft. Aber es gab Rast und Stillstand nebeneinander. Wenn Arbeit aber zum Lebenszweck wird, sind die Pausen kein Grund zum Feiern, sondern schiere Notwendigkeit. Man rastet, damit man nicht rostet, also zerf\u00e4llt und zusammenbricht.<br \/>\nDoch inzwischen laufen Maschinen und automatisierte Prozesse ohne unser Zutun, sie nehmen uns die schwere Routinearbeit seit der Industrialisierung mehr und mehr ab. Man k\u00f6nnte meinen, dass wir bald nur noch einige Spezialisten brauchen, die den Laden in Schuss halten \u2013 der Rest kann Urlaub machen, Dauerpause, die man mit T\u00e4tigkeiten nach Lust und Laune ausf\u00fcllen kann. Schlie\u00dflich sorgen zunehmend Maschinen und Algorithmen f\u00fcr unser Einkommen.<br \/>\nDie k\u00fcnstliche Intelligenz und die Digitalisierung setzen fort, was mit dem Alten Testament begann: \u201eDer Mensch denkt, Gott lenkt\u201c \u2013 das hat sich, vor dem Hintergrund allgegenw\u00e4rtiger informatischer Systeme, in ein \u201eDie Maschine denkt, der Mensch lenkt\u201c verwandelt. Wenn also alle Arbeit, jedenfalls die, die sich automatisieren l\u00e4sst, von Maschinen und Systemen erledigt w\u00fcrde, bliebe trotzdem noch das Primat der menschlichen Entscheidung. Klingt gut!<br \/>\nAber die Frage ist: L\u00e4uft es auch so? Etwas Abstand von der grenzenlosen Fortschrittseuphorie ist durchaus geboten. Denn bei vielen kann weder vom Denken noch vom Lenken die Rede sein. Wo aber keine Freude an der Selbstbestimmung herrscht, an der eigenen Entscheidung, auch der, weiterzumachen oder nicht, f\u00fchrt selbst die Aussicht auf ein Schlaraffenland zu Bauchschmerzen.<\/p>\n<h3>6. Die Mensch-Ressource<\/h3>\n<p>Viele aber g\u00f6nnen sich keine Atempause, weil ihnen die Rennerei unangenehmes Nachdenken erspart. Die protestantische Ethik erfordert Eifer und Flei\u00df, und wer sich bewegt, muss sich nicht entscheiden. Das ist praktisch. Und es ging lange gut. Aber genau das steht jetzt zur Disposition, verst\u00e4rkt durch die Corona-Krise, aber keineswegs von ihr ausgel\u00f6st. Automaten und Maschinen gibt es, weil sie menschliche Arbeitskraft ersetzen, und zwar pausenlos. Sie laufen 24 Stunden und sieben Tage die Woche. Nur ihre Betreiber brauchen den Schichtbetrieb, jedenfalls so lange, wie man Menschen in den Fabriken \u00fcberhaupt noch n\u00f6tig hat. Die brauchen, weil biologische M\u00e4ngelwesen, auch ein bisschen Erholung. Wer den Stillstand verhindern will, muss auf menschliche Bed\u00fcrfnisse wie Erholung und Schlaf oder Ereignisse wie Krankheiten R\u00fccksicht nehmen, die alle Pausen erzwingen.<br \/>\nDas galt selbst f\u00fcr Sklavenhalter, die darauf bauten, dass eine Arbeitskraft so gut ist wie die andere und damit leicht ersetzbar. Im Industrialismus aber wurden f\u00fcr die Bedienung von Systemen und Maschinen immer mehr Fachkundige verlangt, denen man Pausen gew\u00e4hren musste, um nicht selbst Schaden zu nehmen. Dieses Motiv ist f\u00fcr die Sozialgesetzgebung mindestens so bedeutungsvoll wie die Bem\u00fchungen der Arbeiterbewegung. Und im \u201eWar for Talents\u201c ist die Pause, das Sabbatical, f\u00fcr gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte schon eingepreist.<br \/>\nDas ist nat\u00fcrlich alles viel netter als noch zu Zeiten des Taylorismus, wo man recht offen \u00fcber die Notwendigkeit redete, dass das menschliche Material lange halten m\u00fcsse. Doch auch die sich selbst in verbl\u00fcffender Offenheit Human-Resources-Abteilungen nennenden Personaler wissen: Ohne Pause l\u00e4uft nichts. Zeitforscher Karlheinz Gei\u00dfler berichtet von einem Versuch in den USA aus dem Jahr 1914, die Pausen von Fabrikarbeitern drastisch zu reduzieren, um die Produktivit\u00e4t zu steigern. \u201eDas ging gr\u00fcndlich daneben\u201c, sagt er, \u201eman stellte fest, dass der Ausschuss durch weniger konzentriertes Arbeiten dramatisch anstieg, Fehler zur Regel wurden und die ganze Sache mehr Verlust brachte als die alte Zeitorganisation.\u201c Weniger Pause, weniger Gewinn.<br \/>\nAber sie blieb, was sie im Industrialismus immer war, das Mittel zum Zweck. Nie diente sie der Kontemplation, der Besinnung der Arbeitenden, dem Ziel, Abstand zu gewinnen von dem, was sie t\u00e4glich taten. Die Pause sollte nur ablenken, erholen f\u00fcr den neuen Anlauf. Ein bisschen Fronturlaub von der Fremdbestimmung also. Und dann wieder ab ans Flie\u00dfband, dem Sch\u00fctzengraben der Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<h3>7. Panzerschokolade<\/h3>\n<p>Derlei ist keine \u00dcbertreibung. In den Kriegen und Kriegsvorbereitungen des 20. Jahrhunderts spielte die Pause eine wichtige Rolle. Totalit\u00e4re Regime k\u00fcmmerten sich auch um die Freizeitgestaltung ihrer Untertanen, in Deutschland die Nationalsozialisten und in der Sowjetunion die Stalinisten. Kaum irgendwo wird der Sinn der Pause so klar wie in dem sprechenden Namen \u201eKraft durch Freude\u201c, der zentralen Freizeitorganisation des Dritten Reiches. Durch Ferien, Pausen und Reisen sollten Gem\u00fct und K\u00f6rper auf die k\u00fcnftigen Belastungen in der Produktion und letztlich im Krieg vorbereitet werden. Bei den Nazis gab es in den schlimmsten Kriegsjahren einen regelrechten Pausenkult \u2013 da schunkelten verst\u00fcmmelte Invaliden im Dreivierteltakt im Wunschkonzert der Fronturlauber zu Zarah Leanders \u201eDavon geht die Welt nicht unter\u201c, ein Wunsch, dem sich die Welt verschloss.<br \/>\nZwischen den Illusionen, die man sich machte, wurde unerm\u00fcdlich gek\u00e4mpft, nicht nur aus \u00dcberzeugung, auch die forschende Pharmaindustrie half.<br \/>\nDer Chemiker Fritz Hauschild entwickelte in den Drei\u00dfigerjahren \u201ePervitin\u201c, ein Methamphetamin, das der heutigen Modedroge Chrystal Meth entspricht. Damit wurden junge Soldaten seit dem Polenfeldzug versorgt, Panzerschokolade nannte man das Zeug. Entwickelt wurde Pervitin, wie der Milit\u00e4r-Historiker und Regisseur Gorch Pieken herausgefunden hat, nicht f\u00fcr die Wehrmacht, sondern f\u00fcrs Management. Die leitenden Angestellten ma\u00dfen ihre eigene Bedeutung nicht mit unm\u00e4nnlichen intellektuellen F\u00e4higkeiten, sondern mit robuster k\u00f6rperlicher Leistungsf\u00e4higkeit: Munter und kr\u00e4ftig, frisch und fr\u00f6hlich sollte man ans Werk gehen, pausenlos, wie es auch die Maschinen und Fabriken taten, die man beaufsichtigte.<br \/>\nPause ist Schw\u00e4che. Stillstand wird nicht geduldet. Diese Generation der Industriemanager br\u00fcstete sich damit, m\u00f6glichst wenig zu schlafen, h\u00f6chstens vier Stunden, wie Napoleon, so lautete eine g\u00e4ngige Prahlerei aus dem Milieu.<br \/>\nHeute tr\u00e4gt man den Aktionismus der Organisation noch sichtbarer nach au\u00dfen. Am Wochenende l\u00e4uft man Marathon oder segelt und radelt durch die Weltgeschichte. Hauptsache, es scheppert auch dort, wo sonst Ruhe und Frieden herrschen k\u00f6nnte. Die gute, alte Mittagspause, die einst dazu diente, zu essen und zu trinken und vielleicht mit den Kollegen noch ein wenig \u00fcber den Chef oder andere herzuziehen, ist ein Auslaufmodell \u2013 man geht mit Gesch\u00e4ftspartnern oder Mitarbeitern zum Lunch, um statt Pause Personalfragen und all die Nebensachen zu besprechen, zu denen man sonst keine Zeit hat. F\u00fcr den Zeitforscher Gei\u00dfler macht das deutlich, dass die Pause eben nur ein L\u00fcckenf\u00fcller ist, in den man reinpackt, was sonst nicht so wichtig ist \u2013 Mitarbeiter und das eigene Leben.<br \/>\nWeniger Pause, weniger Gewinn.<br \/>\nGewiss: Schon vor Jahrzehnten fl\u00fcchteten die Leute vorm Hamsterrad der fremdbestimmten Arbeit ins Wochenende, immer mit ein wenig Angst vor dem Montag im Kopf. \u201eDann sind die Leute von der Stadt in die Natur gefahren, um sich selbst zu begegnen \u2013 und damit nat\u00fcrlich gescheitert, weil alle anderen am Wochenende genau das Gleiche gemacht haben\u201c, sagt Gei\u00dfler. Solche Dramen wiederholen sich auf Autobahnen und Flugpl\u00e4tzen und in Urlaubsorten auf der ganzen Welt. Immer entlegener werden die Orte, an denen die, die es sich leisten k\u00f6nnen, versuchen, dem Trott zu entgehen. Diese Art der Pause aber kann, wenn das klappt, durchaus zerst\u00f6rerische Wirkung f\u00fcr alte, schlechte Angewohnheiten entfalten: Die Geschichten von Leuten, die in Ruhe \u00fcber das nachdenken, was sie machen, nehmen zu. Damit steigt die Chance, dass Leute au\u00dfer Atem wieder zu sich und damit zur Vernunft kommen.<\/p>\n<h3>8. Freir\u00e4ume<\/h3>\n<p>Das gelingt nicht nur mit Aus- und Ruhezeiten. Es gibt auch gute und schlechte \u00dcberraschungen, die die gewohnte Routine aufbrechen und als das entlarven, was sie ist: ein schlecht gewobenes Sicherheitsnetz, das nicht h\u00e4lt, was es verspricht.<br \/>\nSolche \u00dcberraschungen k\u00f6nnen uns helfen, klarer zu sehen. Und damit sind nicht die Zwangspausen gemeint, die man in der Corona-Zeit machen muss, wenngleich auch sie gelegentlich klarmachen, was n\u00f6tig ist und was nicht. Denn wer nicht gelernt hat, selbst Grenzen zu setzen und selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten, der ger\u00e4t in Ausnahmezeiten leicht unter die R\u00e4der. Zu viele wollen zu viel \u2013 Kinder, Partner, Kollegen, Chefs \u2013 und wer im euphemistisch Home Office genannten Quarant\u00e4neort hat schon gelernt, seine Verf\u00fcgbarkeit, zumal in so schwierigen Zeiten, zu begrenzen?<br \/>\nZur selbstbestimmten Arbeit aber geh\u00f6rt, selbst die Grenzen des Machbaren einzusch\u00e4tzen, nicht aufs Pausenzeichen und das Klingeln der B\u00fcroglocke zu h\u00f6ren, sondern sich die Zeit selbst einzuteilen. Selbstorganisiert ist das Gegenteil von verf\u00fcgbar. In immer mehr Berufen spielt Pr\u00e4senzpflicht keine Rolle mehr. Aber die sozialen und kulturellen Techniken zur individuellen Arbeitsorganisation sind unge\u00fcbt, l\u00e4stig, anstrengend. Bequemer ist es, wenn andere uns sagen, wie unser Leben laufen soll.<br \/>\nGei\u00dfler erz\u00e4hlt gern die Geschichte jener Menschen, die nach langer Schichtarbeit die Chance bekamen, in flexibler Gleitzeit zu arbeiten. Die Freude habe sich in Grenzen gehalten, die neue Selbstbestimmung ihrer Arbeitszeit galt als Zumutung. \u201eDie kaufen sich lieber einen Wecker und stehen um halb f\u00fcnf auf, statt ihren Tag selbst einzuteilen.\u201c<br \/>\nEs werde eben auch nirgendwo gelehrt, was wir brauchen, sagt Gei\u00dfler: \u201eUnseren eigenen Rhythmus, nicht den, den andere und anderes uns auferlegen. Wir brauchen unsere eigene T\u00e4tigkeit, unsere eigene Pause, weil jeder von uns eine eigene Biologie hat. Es ist eigentlich gar nicht so schwierig.\u201c<\/p>\n<p>Und ganz gewiss keine umst\u00fcrzlerische Idee. Denn es geht nicht um \u201eradikale Freiheit\u201c, wie er es sagt, sondern um \u201eFreiheit innerhalb meiner Individualit\u00e4t\u201c, darum, \u201esich selbst zu sp\u00fcren\u201c. Dabei lernt man, dass Pausen nicht dazu da sind, um einfach weiterzumachen, sondern dass sie zu Wendepunkten werden k\u00f6nnen, zu Aufbr\u00fcchen. Und dazu, dass man das, was vorher geschah und danach werden kann, begreift.<br \/>\nWer das wirklich verstanden hat, w\u00fcsste zudem, dass man nicht lange damit wartet, sich zu besinnen, um kontemplativ zu sein, konzentriert. Der Wissensarbeiter, sagt Karlheinz Gei\u00dfler \u201emacht Pause, bevor er sie n\u00f6tig hat\u201c.<br \/>\nPunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der spanische Filmemacher Luis Bu\u00f1uel war ein Meister des Absurden. 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