{"id":2729,"date":"2019-08-29T12:57:43","date_gmt":"2019-08-29T10:57:43","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=2729"},"modified":"2019-10-29T13:11:04","modified_gmt":"2019-10-29T11:11:04","slug":"zeitforscher-geissler-mehr-let-it-be-statt-to-do-listen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/zeitforscher-geissler-mehr-let-it-be-statt-to-do-listen\/","title":{"rendered":"Zeitforscher Gei\u00dfler: &#8220;Mehr Let-it-be- statt To-do-Listen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Karlheinz Gei\u00dfler, 23.08.2019 in Profil, von Angelika Hager<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.profil.at\/gesellschaft\/zeitforscher-geissler-listen-10924568\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link zur Artikel auf profil.at<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"auszug\">F\u00fcr eine von Stress und Ersch\u00f6pfung geplagte Gesellschaft ist Zeit zum Luxusartikel geworden. Der deutsche Forscher und Wirtschaftsp\u00e4dagoge Karlheinz Gei\u00dfler widmet sich seit 30 Jahren dem Ph\u00e4nomen Zeit und untersucht, warum wir so schlecht damit umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eNa, Sie sind aber p\u00fcnktlich!\u201c Das Lob aus dem Mund eines Zeitforschers f\u00fcr einen Anruf zum abgemachten Zeitpunkt erscheint deswegen paradox, weil Karlheinz Gei\u00dfler in seinen B\u00fcchern und Seminaren f\u00fcr die Abschaffung der Uhren pl\u00e4diert, selbst keine mehr tr\u00e4gt und den gesellschaftlichen Zwang zur P\u00fcnktlichkeit als \u00fcberholt empfindet. Nein, nein, nat\u00fcrlich w\u00fcrde er seine \u00dcberzeugung von einer besseren Welt ohne ein Diktat der Uhr auch selbst leben, aber auf seinem Computerbildschirm habe sich eine Zeitangabe eingeschlichen. Der emeritierte Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Wirtschaftsp\u00e4dagogik hat sich seit Jahrzehnten der Erforschung des Ph\u00e4nomens Zeit verschrieben.<\/p>\n<p><em>Tats\u00e4chlich leben wir in einem paradoxen Zustand, was unsere F\u00e4higkeit im Umgang mit der Zeit betrifft. In den vergangenen 100 Jahren hat sich, so der Wiener Freizeitforscher Peter Zellmann, die durchschnittliche Arbeitszeit halbiert; der Elf-Stunden-Tag f\u00fcr Fabriksarbeiter war in der Ersten Republik tats\u00e4chlich die Norm; Mitte des 19. Jahrhunderts mussten Arbeiter sogar noch ein Tagespensum von bis zu 18 Stunden bew\u00e4ltigen. Urlaub wurde in \u00d6sterreich zwar schon 1919 gesetzlich eingef\u00fchrt, beschr\u00e4nkte sich aber auf maximal zwei Wochen pro Jahr. Seit J\u00e4nner 1975 ist die 40-Stunden-Woche gesetzlich verankert. Obwohl wir wesentlich mehr Zeit zur freien Gestaltung als alle Generationen zuvor besitzen, gilt Stress, der auch zu einem gro\u00dfen Teil aus Zeitkonflikten entsteht, heute als Hauptausl\u00f6ser f\u00fcr seelische Krankheiten. Laut dem Hauptverband der \u00f6sterreichischen Sozialversicherungstr\u00e4ger ist die Zahl der Erwerbsunf\u00e4higkeitspensionen aufgrund psychiatrischer Erkrankungen seit 1995 auf das Dreifache gestiegen. Stressbedingte Zeitkonflikte sind, so die Experten, die Ursache f\u00fcr viele medizinische St\u00f6rungen wie Herzrhythmus-Probleme, R\u00fcckenschmerzen, Tinnitus und Migr\u00e4ne, um nur die h\u00e4ufigsten aufzuz\u00e4hlen.<\/em><\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wie erkl\u00e4rt sich die gesellschaftliche Talentlosigkeit im Umgang mit der Zeit und das dauernde Lamento, dass man keine oder zu wenig Zeit f\u00fcr alles habe?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Generationsgeschichtlich sind wir aus einer Mangelgesellschaft nach dem Krieg, in der jede M\u00f6glichkeit, Zeit individuell zu gestalten, als neue Freiheit gefeiert wurde, zu einer \u00dcberflussgesellschaft geworden. Es gibt viel zu viele M\u00f6glichkeiten, es wird alles verdichtet, und wir sind auf dieses Zuviel noch nicht eingestellt. Wir m\u00fcssen verzichten lernen, ignorieren, auslassen, \u00fcbersehen. Mehr Let-it-be-Listen anstelle von To-do-Listen. Die \u201evita activa\u201c ist heute zu einer sechsspurigen Autobahn ausgebaut, w\u00e4hrend die \u201evita contemplativa\u201c, das beschauliche Leben, zu einem Gr\u00fcnstreifen zwischen den Schnellstrecken verkommen ist.<\/p>\n<aside id=\"Content2_mobile\" class=\"ad_con ad_marker\"><\/aside>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Die Sehnsucht nach Stressfreiheit und Auszeiten ist inzwischen zum Fundament einer ganzen Industrie geworden. N\u00fctzen die vielen Workshops, Seminare und Antistress-Kurse?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0In dem Moment, wo Zeit und der Umgang damit in diese kapitalistischen Verwertungsszenarien kommen, wird Zeit in Geld verrechnet. Das hei\u00dft, um Entschleunigung zu bekommen, m\u00fcssen andere beschleunigen und sich hetzen. Das ist kein gesunder Zustand, der zu produktiven Ergebnissen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><em>Auch Christina Maslach, US-Psychologin und Pionierin in der Erforschung des Burnout-Syndroms, verurteilt die Entschleunigungsindustrie in einem profil-Interview: \u201eS\u00e4mtliche Kuren oder Aufenthalte in Kliniken bringen gar nichts, wenn man danach wieder zu jenen Arbeitsbedingungen zur\u00fcckkehrt, die einen zuvor in den Zustand des Ausgebranntseins man\u00f6vriert haben.\u201c<br \/>\nIn seinem neuesten Buch \u201eDie Uhr kann gehen\u201c pl\u00e4diert Gei\u00dfler vehement f\u00fcr die Abschaffung der Uhr, \u201ediesem ehernen Geh\u00e4use der H\u00f6rigkeit\u201c, so der Soziologe und National\u00f6konom Max Weber. Die Uhrzeit, hei\u00dft es dort, \u201e\u00fcber viele Perioden neben der Arbeit die wirkm\u00e4chtigste Integrationskraft der Gesellschaft, verliert ihre Dominanz als Leitinstrument sozialer Zeitgestaltung.\u201c<br \/>\nDie Uhr, die um 1300 in Norditalien entwickelt wurde, als Taktgeber von Vorschriften und Restriktionen, war in ihrer Bedeutung schon immer politisch aufgeladen. W\u00e4hrend der Barrikadenk\u00e4mpfe der Pariser Julirevolution 1830 schossen die Revolution\u00e4re beispielsweise zuallererst auf die Turmuhren, die als Symbol der herrschenden Tyrannei galten. Uhren dienten den Arbeitgebern als Herrschaftsinstrument. Der Automobil-Magnat und Erfinder des Flie\u00dfbands, Henry Ford, initiierte in den 1910er-Jahren das Prinzip der Stechuhr, um die Produktivit\u00e4t zu erh\u00f6hen, was zu w\u00fctenden Protesten unter seinen Arbeitern f\u00fchrte.<\/em><\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Doch wie kann sich eine Gesellschaft von Zeitdruck befreien, die immer darauf konditioniert war, sich nach der Uhr zu richten \u2013 sei sie jetzt am Handgelenk oder auf dem Handy.<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Befreien kann man sich nur durch rhythmisches Leben, durch ein Leben, das eben nicht vom \u00e4u\u00dferen Takt der Uhr bestimmt wird, sondern durch den Rhythmus der Natur und damit verbundene Alltagsstrukturen. Wir m\u00fcssen in unserem Leben Zeitr\u00e4ume einf\u00fchren und uns von den Zeitpunkten verabschieden. Ich strukturiere meine Tage wie einen Emmentaler. Es gibt ein Ger\u00fcst, aber es gibt jede Menge L\u00f6cher, die ich mit Zeitr\u00e4umen gleichsetze. Da lass ich mich nicht wegorganisieren, sondern die Zeit auf mich zukommen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Dennoch mag das vielleicht nur in wenigen Branchen oder f\u00fcr Menschen, die in Pension sind, so lebbar sein. Wie realistisch ist das f\u00fcr Arbeitnehmer, die wettbewerbsf\u00e4hig bleiben m\u00fcssen?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0In vielen Betrieben ist es schon m\u00f6glich, dann zu beginnen, wenn man ausgeschlafen und arbeitsf\u00e4hig ist. Und man muss sich nicht nach einem Wecker orientieren. Bei Fabriksarbeit geht das nat\u00fcrlich nicht, doch die ist ja ohnehin im Schwinden begriffen. Aber Gleitzeit ist in der Regel m\u00f6glich.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><em>Eine Hauptursache f\u00fcr Stress und Zeitkonflikte ist die fortschreitende Aufhebung der Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben durch die digitale Vernetzung. \u201eDie st\u00e4ndige Erreichbarkeit spielt stark in die gest\u00f6rte Work-Life-Balance hinein\u201c, so die Wiener Arbeitsforscherin Karin Sardadvar. L\u00e4ngst ist der 24-st\u00fcndige Standby-Modus nicht mehr auf Top-Management-Kreise beschr\u00e4nkt, auch im Niedriglohnsegment, \u201ewo beispielsweise B\u00fcroreinigungskr\u00e4fte auf Abruf parat stehen m\u00fcssen\u201c (Sardadvar), gibt es kein echtes Abschalten mehr. Das kommunikative Multitasking, das aufgrund der Smartphones inzwischen zur Alltagskultur geworden ist, st\u00fcrzt unser Hirn in ein mentales Verkehrschaos. Laut dem kanadischen Autor Douglas Coupland verf\u00fcgt die Generation Smartphone inzwischen \u00fcber eine Aufmerksamkeitsspanne, die \u201emaximal der L\u00e4nge eines Beatles-Songs\u201c entspricht.<\/em><\/p>\n<p>*<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wie wirkt sich diese st\u00e4ndige Alarmbereitschaft ohne klare Ruhezeiten auf unser Zeitempfinden aus?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Menschen, die sich von au\u00dfen vertakten lassen, werden von sich selbst weggef\u00fchrt. Das macht Stress. Wir m\u00fcssen wieder lernen, auf unsere inneren Signale zu horchen. Nur dann k\u00f6nnen wir auch \u00e4u\u00dferen Stress aushalten und damit umgehen lernen. Seit rund 200 Jahren, seit Beginn der Industriellen Revolution, haben wir gelernt, Zeit mit Geld zu verrechnen. Aber Geld kennt kein Ma\u00df, kein Limit, deswegen haben wir das Kriterium f\u00fcr \u201egenug\u201c oder \u201ezu viel\u201c l\u00e4ngst verloren. Die L\u00f6sung liegt immer in der eigenen Rhythmizit\u00e4t. Wir m\u00fcssen lernen, uns selbst zu organisieren, nach unseren eigenen Bed\u00fcrfnissen auszurichten.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0In Ihrem Buch erz\u00e4hlen Sie vom gesetzlich eingef\u00fchrten Nachmittagsschlaf in China und vom gesellschaftlich nicht sanktionierten Konferenzschlaf in Japan. Gibt es in unserer Kultur zu wenig Ruhepausen?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Ich bin f\u00fcr eine gesetzlich verordnete Euro-Siesta, im Zeitraum zwischen eins und drei, wie sie ja in mediterranen L\u00e4ndern ohnehin schon Teil der Alltagskultur ist. In diesen L\u00e4ndern, in denen das Klima mehr Leben drau\u00dfen erlaubt, stehen die Menschen auch mehr im Einklang mit der Natur. In sizilianischen Museen gibt es Schilder, auf denen steht, dass mit Einbruch der Dunkelheit geschlossen wird.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Sie sprechen von der \u201eVerp\u00fcnktlichung\u201c der Gesellschaft. P\u00fcnktlichkeit gilt doch bis heute als Zeichen f\u00fcr Disziplin und H\u00f6flichkeit. Ein konservativer britischer Minister hat k\u00fcrzlich sogar seinen R\u00fccktritt angeboten, weil er zu sp\u00e4t gekommen ist.<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Exakte Zeitpunkte sind heute nicht mehr notwendig, weil wir ja jederzeit zu erreichen sind und die Flexibilit\u00e4t deswegen zunimmt. Wir k\u00f6nnen jederzeit anrufen, wenn wir uns um zehn Minuten versp\u00e4ten. Und das meiste wird ohnehin per Mail, Chat oder SMS erledigt.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Was tun wir unseren Kindern an, wenn wir ihnen schon im Kindergartenalter ihre Zeit mit diversen F\u00f6rderprogrammen vertakten?<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Wenn ein Kind behauptet: \u201eMir ist langweilig\u201c, dann ist das f\u00fcr mich ein Alarmsignal. Kindern ist prinzipiell nicht langweilig. Langeweile ist nur dort m\u00f6glich, wo es Uhren gibt. Wenn ihre Eltern sie zu fr\u00fch organisieren und ihnen zu fr\u00fch beibringen, nach der Uhr zu leben, dann nimmt man ihnen etwas Wertvolles. Ich bin auch der \u00dcberzeugung, dass die ersten drei oder vier Schuljahre flexibel gestaltet geh\u00f6ren, man die Grenzen zwischen den F\u00e4chern aufheben und nicht exakt nach Stundeneinheiten arbeiten soll. Bei meiner T\u00e4tigkeit als Hochschullehrer habe ich ganz genau gesehen, wann die Aufnahmebereitschaft abnimmt, und das lief oft nicht nach Stundenplan. Prinzipiell sollten Kinder und Erwachsene auf sich selbst h\u00f6ren. Und nicht auf die Uhr.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Was sagt ein Zeitforscher zu dem Spruch \u201eDie Zeit heilt alle Wunden\u201c.<br \/>\n<strong>Gei\u00dfler:<\/strong>\u00a0Dieser Satz stimmt nicht. Es gibt Wunden, die nie heilen und f\u00fcr immer bleiben.<\/p>\n<p><strong>Karlheinz A. Gei\u00dfler, 74,<\/strong><br \/>\nist Mitbegr\u00fcnder der \u201eDeutschen Gesellschaft f\u00fcr Zeitpolitik\u201c und des Instituts f\u00fcr Zeitberatung \u201etimesandmore\u201c, wo er F\u00fchrungskr\u00e4fte, Firmen und Non-Profit-Organisationen bei Fragen der Zeitorganisation ber\u00e4t. Der ehemalige Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Wirtschaftsp\u00e4dagogik ver\u00f6ffentlichte mehrere B\u00fccher zum Thema, k\u00fcrzlich erschien sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Leben ohne Uhr und wider \u201edie Gehorsamkeitskultur\u201c \u201eDie Uhr kann gehen\u201c, in dem er beschreibt, wie wir unser Leben ohne \u00e4u\u00dfere Taktvorgabe produktiv gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Interview mit Karlheinz Gei\u00dfler, 23.08.2019 in Profil, von Angelika Hager","protected":false},"author":3,"featured_media":2731,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1,25,14],"tags":[],"class_list":["post-2729","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-ausgewaehlte-beitraege","category-interviews"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - 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