{"id":2153,"date":"2018-01-03T16:37:03","date_gmt":"2018-01-03T14:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=2153"},"modified":"2018-01-03T16:37:03","modified_gmt":"2018-01-03T14:37:03","slug":"zeit-leben-nicht-managen-interview-mit-karlheinz-geissler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/zeit-leben-nicht-managen-interview-mit-karlheinz-geissler\/","title":{"rendered":"Zeit leben, nicht managen. Interview mit Karlheinz Gei\u00dfler"},"content":{"rendered":"<p>in forum &#8211; Zeitung der katholischen Kirche im Kanton Z\u00fcrich<\/p>\n<p>3.1.2018<\/p>\n<h4>Karlheinz Gei\u00dfler ist \u00fcberzeugt: Die Zeiten, die z\u00e4hlen, sind die Zeiten, die nicht gez\u00e4hlt werden. Der Zeitforscher pl\u00e4diert deshalb f\u00fcr einen lustvolleren Umgang mit der Zeit.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-2160\" src=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a.jpg\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a.jpg 1744w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a-300x169.jpg 300w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a-768x432.jpg 768w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p03_geissler_chw_8d1f2fc03a-200x113.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/h4>\n<h1 id=\"parent-fieldname-title\" class=\"documentFirstHeading\"><\/h1>\n<div id=\"content-core\">\n<div class=\"newsImageContainer zhkathImageContainer\">\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\"><em>Karlheinz Gei\u00dfler ist ein begehrter Mann. Auch mit 73 bietet er Zeitberatungen an, schreibt B\u00fccher, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge. Einmal pro Monat f\u00fchrt ihn seine T\u00e4tigkeit in die Schweiz. An diesem tr\u00fcben Sp\u00e4therbstmorgen nach Winterthur, wo er vor vollem Saal \u00fcber die kostbare Ressource Zeit spricht, \u00fcber unsere beschleunigte Gesellschaft und den Nutzen von Pausen.\u00a0Dann nimmt sich der emeritierte Professor f\u00fcr Wirtschaftsp\u00e4dagogik Zeit f\u00fcr die forum-Journalisten. Alle Zeit der Welt, wie es sich anf\u00fchlt.<\/p>\n<p><\/em><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"bodytext\">\n<div class=\"newsImageContainer zhkathImageContainer\">\n<p class=\"bodytext\"><strong>Herr Gei\u00dfler, Sie m\u00f6gen keine Termine. Und wenn, dann h\u00f6chstens einen pro Tag. Nun treffen wir Sie nach einem Vortrag zu Lunch und Gespr\u00e4ch. Wie f\u00fchlen Sie sich?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Karlheinz Gei\u00dfler: Nun, es reicht. Ich hielt bereits gestern einen Vortag, und heute wieder. Je \u00e4lter ich werde, desto mehr sp\u00fcre ich die Belastung. Diese Anstrengung erspare ich mir gerne \u2013 ich kann es ja inzwischen auch lockerer nehmen. Ich mag es, wenn die Vortr\u00e4ge in meinem Kopfnachhallen k\u00f6nnen. Meist zehre ich noch Tage von den Assoziationen, die sie ausl\u00f6sen. Diesen Schwung n\u00fctze ich am liebsten schreibend am Computer aus. Aber nat\u00fcrlich freue ich mich nun auch \u00fcber die Begegnung mit Ihnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Wie viel Zeit geben Sie uns denn f\u00fcr das Gespr\u00e4ch?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Bis um 16 Uhr, wenn Sie w\u00fcnschen \u2013 dann fahren wir zur\u00fcck nach M\u00fcnchen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Was ist eigentlich Zeit?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das wissen wir nicht. Der Mensch hat keinen Zeitsinn. Er ist gezwungen, sich ein Bild von der Zeit zu machen. Diese Bilder variieren von Epoche zu Epoche, von Kulturkreis zu Kulturkreis, von Religion zu Religion.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Welches Bild ist f\u00fcr die westliche Kultur pr\u00e4gend?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Uhrzeit. Am \u00dcbergang vom Mittelalter zur Neuzeit wurde in einem Benediktinerkloster die mechanische Uhr erfunden. Sie war vor allem ein Wecker und sollte den M\u00f6nchen helfen, ihre Gebetszeiten einzuhalten, auch in der Nacht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Die Uhr wurde erfunden, um Gott zu huldigen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der M\u00f6nch h\u00e4tte seine Erfindung wahrscheinlich gerne zur\u00fcckgezogen, wenn er geahnt h\u00e4tte, was er damit ausl\u00f6ste: Der bis dahin unstrittige Alleinherrscher \u00fcber die Zeit, der biblische Gott, wurde enteignet. Der neue Gott war mechanisch. Fortan richteten sich die Menschen nicht mehr nach dem Sonnenstand und dem Kr\u00e4hen des Hahnes, sondern nach dem Glockenschlag und dem Uhrzeiger.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Ein folgenreicher Perspektivenwechsel.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Genau. Nun war die Zeit nicht mehr eine himmlische Angelegenheit, sondern eine Sache des menschlichen Willens. Der Mensch verstand sich als \u00abMaschinist\u00bb der Zeit, die er zunehmend mit dem gleichsetzte, was die Uhrzeiger signalisieren. Seither f\u00fchlen wir uns als Herrscher, zugleich aber auch als Sklaven der Zeitmaschine \u00abUhr\u00bb. Es ist ihr Ticken, das dem irdischen Dasein den Takt vorgibt, und zu Distanz des menschlichen Tuns zu den Rhythmen der inneren und \u00e4usseren Natur f\u00fchrt.<br \/>\nWir leben in und mit beiden Zeitmustern, der Uhrzeit und der Naturzeit und ihren je unterschiedlichen Zeitvorgaben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Ein Spagat.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">So ist es. W\u00e4hrend die Naturzeit unserem Empfinden zugrunde liegt und unser Leben pulsieren l\u00e4sst, verspricht uns die Uhrzeit G\u00fcter- und Geldwohlstand. Denn nirgendwo feierte die Uhr gr\u00f6ssere Erfolge als in der \u00d6konomie. Es ist allein die Uhrzeit, die sich in Geld verrechnen l\u00e4sst. Die kapitalistische Wirtschaft macht die Uhrzeit zu einem Produktionsfaktor, der im globalen Wettbewerb \u00fcber Gewinn und Verlust, materiellen Wohlstand oder Armut entscheidet.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Aber wenn wir heute von Zeit reden, meinen wir meist den Zeitmangel.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Selbstverst\u00e4ndlich. Da wir Zeit in Geld verrechnen und Geld kein \u00abGenug\u00bb kennt, kommen wir notwendigerweise unter Zeitdruck. Wir m\u00fcssen immer schneller sein, noch effizienter arbeiten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Noch nie hatten die Menschen so viel Freizeit, und doch steht in der Schweiz gem\u00e4ss einer aktuellen Studie jeder dritte Erwachsene unter Dauerstress.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Freizeit ist ja nichts anderes als Zeit jenseits fremdbestimmter Arbeitszeit. Damit ist sie noch lange keine freie Zeit! Als Kehrseite der Produktionszeit wird sie zur Konsumzeit \u2013 und da all unsere G\u00fcter ausgesucht und eingekauft werden m\u00fcssen, bereitet auch sie Druck. Arbeits- oder Freizeit: Wir kommen aus dem Stress nicht mehr raus.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Auch Zeit sparen bringt uns nicht wirklich weiter.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zeitsparen funktioniert nicht. Liesse sich Zeit sparen, l\u00e4ge es ja nahe, die gesparte Zeit zu sammeln und zu lagern, um sie sp\u00e4ter zu nutzen. Es gibt aber kein Leben und auch kein Nachleben aus gesparter Zeit. Zeitsparen zaubert nicht ein St\u00fcck zus\u00e4tzliche Zeit herbei, im Gegenteil, es f\u00fchrt zu verpassten Lebenschancen. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr\u2019s Zeitlassen, schlage vor, Zeit mehr zu geniessen, sie bewusst und lustvoll zu leben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Genauso wenig wie sich Zeit sparen l\u00e4sst, l\u00e4sst sie sich verlieren oder managen. Zeit l\u00e4sst sich nicht in den Griff bekommen. Sie ist ungreifbar. Ich habe nicht die Zeit \u2013 ich bin die Zeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Nun eilt aber nicht jede Zeit. Beim Zahnarzt zum Beispiel scheint sie sich ins Unendliche zu dehnen.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das hat mit unserem unterschiedlichen Zeitempfinden zu tun. Bei attraktiven Erlebnissen, von denen ich nicht genug bekomme, scheint mir die Zeit immer zu kurz. Entsprechend schnell vergeht sie in meinem Empfinden. Umgekehrt scheint sich die Zeit auszudehnen, wenn ich etwas Unattraktives erlebe, das ich m\u00f6glichst schnell hinter mich bringen m\u00f6chte.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"newsImageContainer zhkathImageContainer\">\n<p class=\"bodytext\"><strong>Ver\u00e4ndert sich das Zeitempfinden mit dem Alter?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wenn man \u00e4lter wird, ist jeder Tag, den man lebt, ein Tag weniger, den man zu leben hat. Es geht dem Ende entgegen, und man hat den Eindruck, dass der Rest immer schneller immer weniger wird. Aber der eigentliche Grund ist ein anderer: Je \u00e4lter ich werde, desto h\u00e4ufiger erlebe ich Szenen wieder, die ich schon genau so oder \u00e4hnlich erlebt habe. Wenn man aber etwas Neues erf\u00e4hrt, hinterl\u00e4sst das Ged\u00e4chtnisspuren. Wiederholungen, Routine fliegen als leere Zeiten unter den H\u00e4nden weg.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-2163\" src=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p04_geissler_chw_1_30b716265a.jpg\" alt=\"\" width=\"473\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p04_geissler_chw_1_30b716265a.jpg 780w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p04_geissler_chw_1_30b716265a-300x185.jpg 300w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p04_geissler_chw_1_30b716265a-768x473.jpg 768w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/csm_f01_p04_geissler_chw_1_30b716265a-200x123.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\"><em>Karlheinz Gei\u00dfler\u00a0 kommt aus zwei Zeitwelten: Als Wirtschaftsp\u00e4dagoge hat er gelernt, wie man Minuten in Geld z\u00e4hlt. Und er weiss, wie man sie in Zuwendung misst. \u00abTime is money\u00bb, formulierte Benjamin Franklin, einer der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Vereinigten Staaten, bereits 1748.\u2006Sie sollte aber, sagt Karlheinz Gei\u00dfler, vermehrt wieder \u00abhoney\u00bb sein, s\u00fcss, lebendig, bunt: \u00abEs ist an der Zeit, Geld durch ein nahrhaftes Lebensmittel zu ersetzen.\u00bb<\/em><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><em>Zu seiner Gelassenheit fand er allerdings nicht ganz freiwillig: Er erkrankte als Kind an Polio, musste den aufrechten Gang zum zweiten Mal lernen und benutzt seither eine Kr\u00fccke zum Gehen oder f\u00e4hrt im Rollstuhl. F\u00fcr manche Dinge braucht er etwas l\u00e4nger, beschleunigen konnte er nie. Dabei hat er erkannt: Die Schnellen kommen auch nicht unbedingt weiter.<\/em><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><em>Seit \u00fcber 30 Jahren lebt er nun ohne Uhr am Handgelenk. Und er pl\u00e4diert f\u00fcr Let-it-be-Listen anstelle von To-do-Listen: Zeit frei lassen, statt immer noch mehr in sie hineinzupacken.<\/em><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Zeitnot und \u00fcbersteigertes Tempo scheinen\u00a0ausschliesslich menschliche Ph\u00e4nomene zu\u00a0sein. Meine Katze und meine Pflanzen scheinen dies nicht zu kennen. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nur der Mensch weiss, dass er auf den Tod zusteuert, Tiere und Pflanzen nicht. Damit hat der Mensch die Knappheit aus Prinzip mitbekommen. Das Endmass setzt uns unter Zeitdruck.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Meine Katze will ihr Leben auch nicht vollpacken \u2026<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Unser Drang, m\u00f6glichst viel in unser Leben zu stecken, hat mit der verlorenen Transzendenz zu tun. Wenn ich davon ausgehe, dass der Tod das definitive Ende ist, gerate ich unter Zeitdruck. Weil ich ja dann alles Leben in diesem einen Leben unterbringen muss. Eine schwierige Aufgabe, an der ich notgedrungen scheitere. Wo ich aber an ein Leben nach dem Tod glaube, kann ich gelassener mit meiner Zeit umgehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Dann d\u00fcrften Christen keine Zeitprobleme kennen.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch Christen denken nicht immer ans jenseitige Leben. Uns wird aberzogen, \u00fcberhaupt ans Jenseits zu denken: Wir sollen alles im Diesseits verzehren, weil wir Zeit in Geld verrechnen. Dies aber k\u00f6nnen wir nicht im Himmel \u2013 das k\u00f6nnen wir nur auf Erden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Aber generell machen die Kirchen schon vieles\u00a0richtig im Umgang mit der Zeit, nicht wahr?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Unbedingt! Mit ihren Feier- und Festtagen, aber auch Buss- und Fastenzeiten, mit Gebeten, Wallfahrten und Gottesdiensten unterlegen und konturieren sie das Jahr mit einem rhythmisierten Verlauf. Damit stellen sie f\u00fcr die Menschen und die Gemeinschaft eine orientierende, lebendige Zeitordnung bereit. Das Kirchenjahr teilt die Zeit nicht ein, es ist sie. Zumindest wurde dies in fr\u00fcherer Zeit so wahrgenommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Bis heute bewahren wir diesen reichen Schatz an rhythmisch wiederkehrenden Ereignissen im Kirchenjahr auf und lassen ihn gerne immer wieder lebendig werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ich setze mich im evangelischen Kirchenrat seit Jahren f\u00fcr die Bewahrung der lebendigen Zeiten des Kirchenjahres und f\u00fcr die Pflege des verkaufs- und arbeitsfreien Sonntags ein.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Inzwischen hat nicht nur der Kirchenkalender an Bedeutung verloren, auch die Uhr wird weniger wichtig. Wir k\u00f6nnen im Internet 24 Stunden am Tag shoppen und mit unseren Freunden quer\u00a0\u00fcber den Erdball chatten. Wir k\u00f6nnen auch alles gleichzeitig tun. Eine neue Freiheit?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zun\u00e4chst eher ein neuer Druck: Wir m\u00fcssen unsere Zeit mit m\u00f6glichst vielen Terminen, Fristen und Aktivit\u00e4ten verdichten, immer mehr zur gleichen Zeit machen. Dazu fordern uns die neuen Kommunikationsmittel geradezu auf. Wir sind ja st\u00e4ndig und \u00fcberall erreichbar \u2013 und immer flexibel.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dies gibt nat\u00fcrlich Freiheit \u2013 sie hat jedoch ihre Kehrseite: Alte Zeitgewissheiten schwinden. Wir m\u00fcssen uns immer wieder neu im Meer der \u00abZeitlosigkeit\u00bb verorten. Eine Daueraufgabe, die im 21.\u2006Jahrhundert zu einer Dauerbelastung mit \u00dcberforderungscharakter wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Was raten Sie uns?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wo Zeit das Problem ist, ist Rhythmus die L\u00f6sung. Rhythmisch pulsiert nicht nur unsere innere Natur, sondern auch unsere nat\u00fcrliche Umwelt \u2013 und auch die soziale Mitwelt. Sich als Teil der Natur mit ihren Rhythmen zu erleben, ist eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr unser Wohlergehen und unsere Vorortung in der Welt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wir sollten vermehrt Rituale, Gewohnheiten und Br\u00e4uche pflegen und auch Zeitformen sch\u00e4tzen, die nicht verdichtbar und beschleunigbar sind: Pausen, Wartezeiten und \u00dcberg\u00e4nge. Sie k\u00f6nnen zwar nicht in Geld verrechnet werden und werden deshalb von unserer Gesellschaft auch nicht pr\u00e4miert. Sie sind jedoch genauso produktiv und entsprechend wertvoll.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Wir beklagen uns chronisch \u00fcber Zeitmangel, doch ist keine Zeit zu haben ein Statussymbol.<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nat\u00fcrlich ist es chic, keine Zeit zu haben. Wenn Zeit in Geld verrechnet wird, geraten diejenigen, die genug Zeit haben, in Verdacht, keine M\u00f6glichkeit zu haben, Zeit in Geld zu verrechnen. Arbeitslose zum Beispiel oder Menschen mit Rollator.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Mit solch bedauernswerten Zeitgenossen m\u00f6chten die, die ihr Leben der Gewinnmaximierung verschrieben haben, nicht verwechselt werden. Demonstrativ artikulierter Zeitmangel ist die beste Strategie, dies zu verhindern.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Inzwischen sind Auszeiten im Kloster oder Wellnessferien im Trend. Ein Hoffnungsschimmer?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sicher ein Ausdruck der Sehnsucht nach Qualit\u00e4ten, die wir durch Hetze und Zeitnot verloren haben: Ruhe, Gelassenheit, Aufmerksamkeit, Sensibilit\u00e4t. Es ist ein Gegentrend zum laufenden Trend, doch er h\u00e4lt die Beschleunigung nicht auf. Und auch er stabilisiert unser Wirtschaftssystem, denn auch aus dieser Sehnsucht l\u00e4sst sich ein Gesch\u00e4ft machen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Warum hat die Langeweile einen schlechten Ruf, wo wir uns doch nach mehr freier Zeit sehnen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Weil wir sie \u00fcblicherweise mit negativen, qu\u00e4lenden Zeiterfahrungen verbinden: uninteressante Schulstunden, als \u00fcberfl\u00fcssig empfundene Meetings, \u00fcberlange Fahrten im Zug oder Auto.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dabei mangelt es uns heute gerade an langer Weile, das sind Orte und Zeiten des Verweilenk\u00f6nnens und Verweilend\u00fcrfens, des Innehaltens, des Zusichkommens und des Wohlergehens. \u00abGut Ding\u00bb will auch heute lange Weile haben. Lange Eile haben wir genug.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><strong>Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahr. Was w\u00fcnschen Sie uns f\u00fcr 2018?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ich w\u00fcnsche uns ein bisschen mehr abgebremste, nachdenkliche Zeiten. Und weniger Kurzfristigkeit, daf\u00fcr mehr Zeit, um l\u00e4ngerfristige Entscheidungen zu treffen. Gerade auch in Wirtschaft und Politik. Um uns selbst und der Demokratie willen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wir haben uns viel Zeit gelassen mit dem Gespr\u00e4ch. Karlheinz Gei\u00dfler ist so anregend wie unkompliziert. Nun aber m\u00f6chte er vor seiner Heimfahrt nach Deutschland noch Schweizer K\u00e4se einkaufen. Wie immer, wenn er hier ist. Er liebt K\u00e4se. \u00abOrganisieren Sie Ihren Alltag wie Emmentaler K\u00e4se: mit festen Strukturen durch Rituale und Termine \u2013 und mit nicht allzu wenig L\u00f6chern, in denen Sie die Zeit frei auf sich zukommen lassen\u00bb, sagt er zum Abschied.<\/p>\n<div class=\"txt-right\">\n<p>Text: Pia Stadler<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"newsImageContainer zhkathImageContainer\">\n<p><a href=\"https:\/\/forum-pfarrblatt.ch\/ausgaben\/2018\/01\/zeit-leben-nicht-managen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zum Text<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Karlheinz Gei\u00dfler ist ein begehrter Mann. Auch mit 73 bietet er Zeitberatungen an, schreibt B\u00fccher, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge. Einmal pro Monat f\u00fchrt ihn seine T\u00e4tigkeit in die Schweiz. 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