{"id":2063,"date":"2017-10-12T11:57:39","date_gmt":"2017-10-12T09:57:39","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=2063"},"modified":"2017-10-12T11:57:39","modified_gmt":"2017-10-12T09:57:39","slug":"plaedoyer-zum-innehalten-time-honey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/plaedoyer-zum-innehalten-time-honey\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer zum Innehalten &#8211; Time is honey?"},"content":{"rendered":"<p>In: Pressesprecher &#8211; Magazin f\u00fcr Kommunikation<br \/>\n10\/2017, von Jens Hungermann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Unsere Arbeitswelt und unsere Art zu kommunizieren ver\u00e4ndern sich rasant. Immer mehr Menschen haben die Bef\u00fcrchtung, die steigende Geschwindigkeit k\u00f6nnte sie \u00fcberfordern. Umso wichtiger ist es, ein eigenes Tempo zu finden.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den t\u00e4glichen Herausforderungen eines Pressesprechers im 21. Jahrhundert konnte Wolfgang Amadeus Mozart zu Lebzeiten naturgem\u00e4\u00df nicht einmal etwas ahnen. Es gibt gleichwohl ein Bonmot des Komponisten, das sich wie ein Muster f\u00fcr eine zeitgem\u00e4\u00dfe interne wie externe Kommunikation liest: \u201eDas Notwendigste und das H\u00e4rteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo\u201c, war Mozart \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was 1777 f\u00fcr das Komponieren galt, trifft heute auf Kommunikation und Arbeitswelt gleicherma\u00dfen zu. Mit der Digitalisierung und mit dem Durst moderner Gesellschaften nach Informationen sind Geschwindigkeit und die Taktung von Botschaften allenthalben sp\u00fcrbar gestiegen. Aus dem Largo der analogen \u00c4ra ist zun\u00e4chst ein Andante geworden, dann ein Allegro. Heute scheint vieles im Prestissimo abzulaufen, wenn nicht ablaufen zu <em>m\u00fcssen<\/em>. Was macht das mit uns, mit unserer Art zu kommunizieren? Was sagt es \u00fcber uns aus, wenn laut Facebook rund 40 Prozent aller User abbrechen, sobald eine Website l\u00e4nger als l\u00e4ppische drei Sekunden l\u00e4dt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fakt ist: Mit dem Bed\u00fcrfnis nach dem Verstehen von komplexen Zusammenh\u00e4ngen w\u00e4chst die Notwendigkeit von Erkl\u00e4rungen. Und nebenbei ver\u00e4ndert sich unsere Arbeitswelt so rasant wie nie zuvor. Die Anforderungen an den Einzelnen werden etwa durch Technisierung und Social Media immer noch zahlreicher, die Herausforderungen sind unausweichlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wie sieht ein kluger Umgang mit Zeit aus?<\/h3>\n<p><strong>Jonas Gei\u00dfler<\/strong> vom M\u00fcnchner Institut f\u00fcr Zeitforschung \u201eTimesandmore\u201c doziert regelm\u00e4\u00dfig zu den Themen Zeit und Arbeit. Er sagt, der Wandel von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft habe wesentlich l\u00e4nger gedauert als der Wandel in eine digitale Informationsgesellschaft, und er ist \u00fcberzeugt: \u201eDie Entwicklung wird definitiv noch schneller vonstattengehen. Zumal sich die Lernprozesse selbst beschleunigen.\u201c<\/p>\n<p>Gemeinsam mit seinem Vater <strong>Karlheinz Gei\u00dfler<\/strong>, emeritierter Wirtschaftsp\u00e4dagoge und Koryph\u00e4e auf dem Gebiet der Zeitforschung, hat er zuletzt im <em>Oekom<\/em>-Verlag den Ratgeber \u201eTime is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit\u201c ver\u00f6ffentlicht. Gei\u00dfler junior prognostiziert eine anhaltende Dynamik im Hamsterrad Arbeitsplatz: \u201eMan erkennt sie etwa an messbaren gesellschaftlichen Problemen wie Burnout, an den wachsenden Ums\u00e4tzen der Wellnessindustrie oder an einer Zunahme von Ratgeberliteratur zum Thema Zeit.\u201c Dass die Amazon-Suche nach B\u00fcchern zum Stichwort \u201eEntschleunigung\u201c 648 Treffer liefert, spricht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Jonas Gei\u00dflers Meinung nach sollten Unternehmen sich schon aus Eigennutz fragen: \u201eWie gestalten wir die Zeit f\u00fcr unsere Mitarbeiter so, dass Innovationen wahrscheinlicher werden? \u201aKlug\u2018 bedeutet insofern f\u00fcr Unternehmen auch, Zeit zum Thema ihrer Kommunikation zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich empfinden nachweislich immer mehr Menschen die (notwendige) Geschwindigkeit am Arbeitsplatz als Belastung. Insbesondere \u00c4ltere hegen die Bef\u00fcrchtung, im Beruf sukzessive abgeh\u00e4ngt zu werden. Die 2016er-Stress-Studie \u201eDeutschland, entspann Dich!\u201c der Techniker Krankenkasse belegt dies. Drei von zehn Befragten \u00fcber 50 Jahre geben demnach an, \u201edass sie Sorge haben, bei dem Arbeitstempo nicht mehr lange mithalten zu k\u00f6nnen\u201c. Unter den Besch\u00e4ftigten unter 30 Jahren sorgen sich hingegen nur sieben Prozent.<\/p>\n<p>Passend dazu die Ergebnisse einer Befragung der Wiesbadener Unternehmensberatung Mutaree aus diesem Sommer zum Thema \u201eMacht Change krank?\u201c. Von den befragten F\u00fchrungskr\u00e4ften und Angestellten gab die H\u00e4lfte an, von ihrer regul\u00e4ren Arbeitszeit gingen im Durchschnitt 60 Prozent und mehr f\u00fcr Change-Projekte drauf. Entlastung im Tagesgesch\u00e4ft trotz dieser zus\u00e4tzlichen Belastung? Nein, sagen 79 Prozent.<\/p>\n<p>\u201eDiese Ergebnisse sind alarmierend\u201c, meint Mutaree-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Claudia Schmidt. \u201eWenn sich an diesem Zustand nichts \u00e4ndert, f\u00fchren die notwendigen Change-Projekte der Unternehmen zwangsl\u00e4ufig zum Kollaps.\u201c Auf interne Kommunikationsabteilungen kommt in Unternehmen somit die knifflige Aufgabe zu, rasende Ver\u00e4nderungen auf kluge, behutsame Weise zu kommunizieren. Motto: Keine Angst vorm Wandel, keine Furcht vorm Tempo!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Heute hier, morgen dort, \u00fcbermorgen wieder fort<\/h3>\n<p>M\u00f6glicherweise macht es ja Mut, sich gelegentlich ein Zitat von <strong>Christian Morgenstern<\/strong> vor Augen zu halten. \u201eDie meisten wissen gar nicht, was sie f\u00fcr ein Tempo haben k\u00f6nnten\u201c, war der Dichter \u00fcberzeugt. \u201eWenn sie sich nur einmal den Schlaf aus den Augen reiben w\u00fcrden \u2026\u201c Heute, gut 100 Jahre nachdem Morgenstern diese S\u00e4tze notierte, w\u00e4chst die Generation der Millennials (oder auch: Digital Natives) mit sozialen Medien ebenso v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich auf wie mit einem Informationsfluss, der l\u00e4ngst zu einem nie abrei\u00dfenden Informationsstrom geworden ist. Mit der Verf\u00fcgbarkeit von Informationen praktisch \u00fcberall, jederzeit, f\u00fcr jedermann hat sich der Eindruck von Fl\u00fcchtigkeit verfestigt. Dieser Eindruck betrifft Nachrichten und Botschaften, aber auch Lebensl\u00e4ufe. Tradierte CVs werden offenkundig immer seltener werden. Die Zeiten \u00e4ndern sich rasant, Flexibilit\u00e4t ist Trumpf. Heute hier, morgen dort, \u00fcbermorgen schon wieder fort.<\/p>\n<p>Gleichzeitig haben junge, gut ausgebildete Berufsein- und -aufsteiger trotz \u2013 oder gerade wegen? \u2013 des hohen Tempos eine klare Vorstellung davon, was Arbeit f\u00fcr sie bedeutet. \u201eEs w\u00e4chst eine neue, selbstbewusste Generation heran, die einen hohen Anspruch auf pers\u00f6nliche Entwicklung hat, aber auch auf Vielfalt, Wechsel, Work-Life-Balance\u201c, sagt Zeitforscher Jonas Gei\u00dfler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Zeit zu haben, gilt heute als verd\u00e4chtig<\/h3>\n<p>Entschleunigung als Gegengift zur Alltagshatz \u2013 Werber haben es als Trend erkannt. Die erfolgreichen crossmedialen Kampagnen \u201eZeit schenken\u201c (Edeka) und \u201eDiese Zeit geh\u00f6rt mir\u201c (Deutsche Bahn) sind nur zwei von diversen Beispielen. Vermutlich bedienen sie weniger eine Sehnsucht \u00e0 la \u201eFr\u00fcher war alles besser\u201c als einen Wunsch nach bewussterem Innehalten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gehe in Unternehmen der Trend in die Richtung, dass Arbeitnehmer mit ihrem Wunsch nach regelm\u00e4\u00dfiger Entschleunigung eher auf Verst\u00e4ndnis hoffen d\u00fcrfen, sagt Zeit-Experte Gei\u00dfler: \u201eStichwort: Employer Branding.\u201c Zumal ein verbreiteter Habitus zunehmend als hohl entlarvt wird: \u201eHeutzutage scheint es sehr attraktiv, keine Zeit zu haben. Denn Zeit zu haben, ist verd\u00e4chtig. Es gilt der ungeschriebene Code: Ich bin ein gutes Mitglied in einem Unternehmen, wenn ich keine Zeit habe.\u201c<\/p>\n<p>Umso wichtiger erscheint es, sich an eine gesellschaftskritische Bemerkung des amerikanischen Schriftstellers <strong>Thornton Wilder<\/strong> zu erinnern: \u201eUnter Fortschritt versteht man eher das Tempo als die Richtung.\u201c Man kann dies als Appell verstehen, Tempo nicht um des Tempos Willen hinzunehmen. Es ist kein Selbstzweck. Dies gelegentlich auch nach au\u00dfen hin deutlich zu machen, kann f\u00fcr Kommunikatoren eine lohnende Aufgabe sein. Ebenso wie dann und wann innezuhalten, sich in Gelassenheit zu \u00fcben. Und, ja, auch: sich nicht zu wichtig nehmen \u2013 sowie in aufgeregtem Umfeld nicht den Blick zu verlieren f\u00fcr das wirklich Wichtige. Dass \u201eRelevanz\u201c das zentrale Thema beim diesj\u00e4hrigen Kommunikationskongress war, passt insofern in diese von Ungeduld gepr\u00e4gte Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Ist nicht Kommunikation 4.0 auch ein Segen?<\/h3>\n<p>M\u00fc\u00dfig ist letztlich, die grassierende Geschwindigkeit auf allen Kan\u00e4len zu beklagen. (Auch) Kommunikatoren werden die Entwicklung kaum stoppen k\u00f6nnen. Zumal sie in ihrem Alltag, je nach Sensibilit\u00e4t der Branche, oft genug rasch reagieren m\u00fcssen auf Begehrlichkeiten von Journalisten, Kunden, Communitys, Vorst\u00e4nden, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrern, Stakeholdern. Und ist nicht Kommunikation 4.0 irgendwie auch ein Segen? Nie war es schneller und zielgenauer als heute m\u00f6glich, zu kommunizieren, zu kommentieren, zu beeinflussen, als mittels Internet, Social Media und Co.<\/p>\n<p>Einen lesenswerten Essay wider die Bremser (\u201eTempo sei Dank\u201c) ver\u00f6ffentlichte 2015 die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/tempo-wider-den-bremsern-1.2539564\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Anne Kostrzewa schreibt darin:<\/a> \u201eNehmen wir nur mal das Internet, den gr\u00f6\u00dften Tempomacher der Menschheitsgeschichte. Eine Erfindung, die die Art, wie wir arbeiten, uns informieren, Freundschaften pflegen, Beziehungen eingehen, Jobs finden, reisen oder uns einfach nur unterhalten, so sehr ver\u00e4ndert hat wie nichts zuvor. Toll, k\u00f6nnte man sagen. Was f\u00fcr ein Privileg, so eine aufregende Zeit erleben und mitgestalten zu d\u00fcrfen! Stattdessen wird gen\u00f6lt und gejammert.\u201c Es ist lohnenswert, dar\u00fcber einmal intensiver nachzudenken.<\/p>\n<p>Letztlich steht jeder Einzelne in seinem Leben doch vor der (fast philosophischen) Frage: Wie nutze ich die Zeit, die ich habe; wie finde und realisiere ich mein eigenes, optimales Tempo?<\/p>\n<p>Jonas Gei\u00dfler hat dazu einen guten Ratschlag. \u201eManchmal ist es gar nicht schlecht, vom Ende her zu denken\u201c, meint der Zeitforscher. \u201eWas also m\u00f6chte ich sagen, wenn mein Leben zu Ende geht: Ich war der beste Zeitsparer? Oder: Ich habe die Zeit genossen? Also, war die Zeit mehr \u201aHoney\u2018 oder mehr \u201aMoney\u2018?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.pressesprecher.com\/nachrichten\/time-honey-1830580643\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zum Originalartikel<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In: Pressesprecher &#8211; Magazin f\u00fcr Kommunikation\r\n\r\n10\/2017, von Jens Hungermann\r\n\r\nUnsere Arbeitswelt und unsere Art zu kommunizieren ver\u00e4ndern sich rasant. Immer mehr Menschen haben die Bef\u00fcrchtung, die steigende Geschwindigkeit k\u00f6nnte sie \u00fcberfordern. Umso wichtiger ist es, ein eigenes Tempo zu finden. 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