{"id":1994,"date":"2017-09-14T14:33:26","date_gmt":"2017-09-14T12:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=1994"},"modified":"2022-12-29T13:25:45","modified_gmt":"2022-12-29T11:25:45","slug":"mal-richtig-faul-sein-air-bordmagazin-von-airberlin-mit-jonas-geissler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/mal-richtig-faul-sein-air-bordmagazin-von-airberlin-mit-jonas-geissler\/","title":{"rendered":"Mal richtig faul sein &#8211; air &#8211; Bordmagazin von airberlin &#8211; mit Jonas Gei\u00dfler"},"content":{"rendered":"\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Mal-richtig-faul-sein_-Bordmagazin_Airberlin_August_2017_ob.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Mal-richtig-faul-sein_-Bordmagazin_Airberlin_August_2017_ob.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-bd4afcdb-d58e-46cc-96d1-524ee1b6962b\" href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Mal-richtig-faul-sein_-Bordmagazin_Airberlin_August_2017_ob.pdf\">Mal-richtig-faul-sein_-Bordmagazin_Airberlin_August_2017_ob<\/a><a href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/Mal-richtig-faul-sein_-Bordmagazin_Airberlin_August_2017_ob.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-bd4afcdb-d58e-46cc-96d1-524ee1b6962b\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Es gibt immer mehr zu tun, ob bei der Arbeit, nach Feierabend oder im Italienurlaub. Kein Aspekt unseres Lebens ist vor dieser konstanten Betriebsamkeit <\/strong><strong>sicher. Nichtstun: Wissen wir u\u0308berhaupt noch, wie das geht?<br \/>Ein Selbstversuch<\/strong><\/p>\n<p>(August 2017, von Lydia Polzer)<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ein Fiat f\u00e4hrt gem\u00e4chlich u\u0308ber den Platz und biegt vor der Kirche scharf ein. Die Reifen quietschen leise auf dem blanken Pfl aster. Ein korpulenter Italiener mit<br \/>schulterlangem grauen Haar und neongru\u0308nem Haarband sitzt allein an einem Caf\u00e9tisch auf dem Kirchplatz und liest Zeitung. Es ist 9:12 Uhr. Ich sitze zwei Tische weiter und tue nichts. Schon seit etwa zweieinhalb Minuten. Und genau dafu\u0308r bin ich hierher gekommen, nach Conversano an Italiens Su\u0308dostku\u0308ste, eine Autostunde n\u00f6rdlich<br \/>von Brindisi. Ich bin hier, um nichts zu tun, denn wo kann das gelingen, wenn nicht in einer unaufgeregten su\u0308ditalienischen Kleinstadt? Nichts tun, das<br \/>h\u00f6rt sich einfach an, aber nur noch selten versuchen wir es oder haben auch nur die Gelegenheit dazu. Es gilt, Lebenszeit zu maximieren. YOLO.<br \/>You only live once. Also gehen wir zum Yoga- oder Tangokurs, trainieren fu\u0308r den n\u00e4chsten Triathlon, u\u0308berwachen unseren Kalorienverbrauch mit Fitness-<br \/>Apps, buchen den n\u00e4chsten Urlaub online, lernen zu t\u00f6pfern \u2013 und all das noch bevor der Arbeitstag angefangen hat. Dort beantworten wir E-Mails,wa\u0308hrend wir ein Telefongespra\u0308ch fu\u0308hren und gleichzeitig in einer Besprechung mit der Rechnungsabteilung sitzen. Bjo\u0308rn Kern, Autor des Buches Das Beste, was wir tun ko\u0308nnen, ist nichts, fasst die Situation der modernen Gesellschaftso zusammen: \u201eDieser Wahnsinn des Multitaskings war fru\u0308her reserviert fu\u0308r Spitzenmanager, heute wird das von jedem Normalsterblichen erwartet.\u201c Selbst im Urlaub tun wir immer seltener nichts, stehen gar noch fru\u0308her auf, um die Tauchfahrt mit Walhaien nicht zu verpassen, Yoga bei Sonnenaufgangzu machen oder Schildkro\u0308ten im Morgengrauen zu streicheln.<\/p>\n<div class=\"column\">\n<p>Jetzt ist es 9:17 Uhr und ich bin unruhig. Ich habe schon zweimal den Stuhl gewechselt, weil ich nicht wei\u00df, ob ich auf das Meer am Horizont oder die kreidewei\u00dfe Fassade der Kirche schauen will. Ich habe ein Croissant bestellt und bereue nun, das mit Marmelade statt das mit Schokolade gewa\u0308hlt zu haben. Ha\u0308tte ich nicht doch lieber in das Cafe\u0301 mit Blick auf den niedlichen Platz mit den Gemu\u0308semarktsta\u0308nden gehen sollen? Bin ich am richtigen Ort, um nichts zu tun? Nach sieben Minuten am Cafe\u0301tisch frage ich mich schon leicht nervo\u0308s, was ich als na\u0308chstes tun ko\u0308nnte.<\/p>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die Zeitforscher und Gru\u0308nder des Zeitberatungsinstituts Times and More, Karlheinz und Jonas Gei\u00dfler, haben ku\u0308rzlich das Buch Time is Honey &#8211; Vom klugen Umgang mit der Zeit vero\u0308ffent- licht. Sie sehen in der Erfindung der Uhr gegen Ende des Mittelalters nicht nur den Beginn der Neuzeit, sondern auch den Anfang aller Zeitprobleme: \u201eDie heute viel beklagten zeitlichen Entscheidungsschwierigkeiten, die wir \u201aZeitprobleme\u2018 nennen, gibt es erst, seitdem man zwischen Uhr und Sonne, Glockenschlag und Hahnenkra\u0308hen entscheiden kann und entscheiden muss.\u201c Erst seit es Uhren gibt, kann Zeit gewonnen, gespart oder gar verschwendet werden. Erst seit wir Zeit in Stunden und Minuten messen, ko\u0308nnen wir auch zwischen Arbeits- und freier Zeit unterscheiden und dann selbst die Freizeit in genau abgemessene Portionen unterteilen. Time is Honey liest sich wie ein Appell zur Zeitverschwendung, ein Aufruf, die Breite des Tages zu erleben, statt die La\u0308nge der Stunden abzuste- cken. Ein Abschnitt hei\u00dft \u201eMu\u00dfe und Mu\u0308\u00dfiggang &#8211; Vom su\u0308\u00dfen Nichtstun\u201c.<\/p>\n<p>Wie genau geht das aber nun: das Nichtstun? Der 73-ja\u0308hrige Karlheinz Gei\u00dfler hat mir aufgetragen, mich um 8 Uhr in das Cafe\u0301 auf der o\u0308rtlichen Piazza an einen Au\u00dfentisch zu setzen, einen Cappuccino und eine Brioche zu bestellen und dann zwei Stunden lang einfach dem Geschehen beizuwohnen.<\/p>\n<p>Ich hatte von Anfang an gegen die Uhr rebelliert und war zum Nichtstun mehrals eine Stunde zu spa\u0308t. Brioche gab es auch nicht. Aber jetzt ist es<br \/>9:40 Uhr, aus meinem Croissant quillt sonnige Pfirsichmarmelade, zum korpul- enten Italiener hat sich ein zweiter gesellt, und auch die anderen Tische fu\u0308llen<br \/>sich. Drei Herren in Polohemden disku- tieren, ein Pa\u0308rchen schweigt sich an, vier englische Touristen haben ihre eigenen Sitzkissen dabei. Ich trinke einen Schluck Cappuccino und bin plo\u0308tzlich vorsichtig optimistisch, dass das Nichtstun doch ganz interessant werden ko\u0308nnte. Ich setze mich nicht mal um, als ein Lastwagen vor dem Cafe\u0301 ha\u0308lt und mir die Sicht auf die Kirche versperrt, starre nicht mehr auf die Uhrzeiger der Kirchenuhr.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eEinfach mal sein zu du\u0308rfen und schauen zu du\u0308rfen, das ist gelungenes Nichtstun\u201c, hatte mir Bjo\u0308rn Kern erkla\u0308rt. Dazu braucht man auch gar nicht nach Italien zu fahren, meint er. Er ist glu\u0308ckli- cher Besitzer eines reperaturbedu\u0308rftigen Hauses im Oderbruch. Am Ende seines Grundstu\u0308cks steht eine Bank unter einem Birnbaum. \u201eDie ko\u0308nnte man so nutzen, in dem man vo\u0308llig KO nach der 40-Stunden- Woche mal eben am Samstag Abend 20 Minuten da verbringt und sich nach dem Urlaub sehnt.\u201c Statt in den Urlaub oder<br \/>in den Baumarkt zu fahren, sitzt er in seinen freien Stunden lieber auf der Bank und schaut den Libellen zu. \u201eIch lie\u00df das Haus zuna\u0308chst weitgehend unrenoviert und genie\u00dfe das, was da ist, statt demHandwerkertraum und dem Landlust- Magazin nachzueifern. So habe ich das, wonach ich gesucht habe: Freiheit und Autonomie u\u0308ber die eigenen Stunden.\u201cSein Rat fu\u0308r den Selbstversuch: \u201eNicht u\u0308berfordern, nicht mit einer ganzen Woche anfangen, auch nicht unbedingt weit weg fahren.\u201c Einfach mal eine Stunde innehalten, wo man gerade ist.<\/p>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Um 10:05 Uhr stehen die drei Polohemdtra\u0308ger vom Nebentisch auf und sagen \u201eCiao\u201c. Um 10:10 Uhr stehen sie immer noch da, reden und zeigen keine Anzeichen von Eile. In Conversano kennt man sich mit dem geruhsamen Umgang mit der Zeit aus. Damen mit krausge- lockten Pudeln laufen u\u0308ber den Platz, ein Lieferwagen bringt Gemu\u0308se, ein Mann mit Bierbauchansatz tra\u0308gt ein T-Shirt mit dem Schriftzug \u201eBedroom Warrior\u201c. Nichtstun ist u\u0308berraschend unterhaltsam.<\/p>\n<p>Gegen 10:27 Uhr setzt dann aber doch wieder ein Ungeduldsgefu\u0308hl ein. Ich will ans Meer, frage mich, wie wohl die Kirche vor dem Cafe\u0301 von innen aus- sieht. Sollte man sich in einer Stadt, die schon in der Eisenzeit besiedelt war, nicht auch das Stadtmuseum oder zumin- dest die mittelalterliche Burg anschauen?Ich rufe mich wieder zur Ruhe und zum erneuten Nichtstun auf und bestelle einen Espresso. Auch Jonas Gei\u00dfler hatte erkla\u0308rt, dass es darauf ankommt, \u201enicht alles gestalten und kontrollieren zu wollen\u201c. Der 38-Ja\u0308hrige sagt, dass \u201eman so eine lustvolle Experimentierhaltung braucht, quasi eine humorvolle Selbst- beobachtung, und das kann sogar lebensverla\u0308ngernd wirken. Man lebt nicht unbedingt tatsa\u0308chlich la\u0308nger, aber bekommt ein anderes Zeitgefu\u0308hl.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Sein Vater Karlheinz Gei\u00dfler stimmte mir zu, dass Su\u0308ditalien sich zum Nichtstun prima eignet. Er hatte mir prophezeit, dass mir nach zwei Stunden im Cafe\u0301 etwas einfa\u0308llt, was ich tun mo\u0308chte, von dem ich vorher noch gar nicht ahnte, dass ich es tun wollte. Der Espresso kommt und im Radio la\u0308uft Knockin on Heaven\u2019s Door. Was ich als na\u0308chstes tue, wei\u00df ich immer noch nicht, aber es ist definitiv an der Zeit, zu gehen.<\/p>\n<p>Bjo\u0308rn Kern gibt zu bedenken: \u201eBeim Nichtstun geht es nicht darum, gar nichts zu tun oder nur in der Ha\u0308ngematte zu liegen. Es ist weniger ein unterlassenes Handeln als eine verinnerlichte Hal- tung, genauer hinzuschauen und daszu genie\u00dfen, was man hat.\u201c Als ich auf den kostenlosen Fahrradverleih vom Tourismusbu\u0308ro neben dem Cafe\u0301 sto\u00dfe, wei\u00df ich daher sofort, wie ich die na\u0308chsten Stunden Nichtstun verbringe und rolle kurz darauf auf der leicht abschu\u0308ssigen, schnurgeraden Stra\u00dfe quer durch Olivenhaine in Richtung Meer.<\/p>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Aber ich hadere mit dieser Planlosigkeit, fu\u0308hle mich unentschlossen oder gar gelangweilt. Wie die Gei\u00dflers in ihrem Buch feststellen: \u201eIn einer Gesellschaft, die dem Tun mehr Platz einra\u0308umt als dem Lassen, ist die Langeweile ein Makel, ein Stigma, ein Zeichen des Versagens.\u201c Wir haben FOMO \u2013 fear of missing out \u2013 die Angst etwas zu verpassen. Bjo\u0308rn Kerns Antwort darauf: \u201eDie Angst vor dem ungelebten Leben verliert man dadurch, dass man nicht glaubt, man wu\u0308rde nicht leben, wenn man nichts tut.\u201c<\/p>\n<p>Der 39-Ja\u0308hrige machte die Erfahrung, dass zum gelungenen Nichtstun \u201eein kleines Qua\u0308ntchen Glu\u0308ck geho\u0308rt\u201c, dass es nicht immer und nicht automatisch klappt. \u201eAber es gibt so glu\u0308ckliche Momente, in denen man merkt, das etwas kippt.\u201c<\/p>\n<p>Auch bei mir klappt das Nichtstun in Su\u0308ditalien ho\u0308chstens sporadisch, ist dann aber umso scho\u0308ner: ru\u0308cklings im Mittel-meer treibend und den Kieseln am Meeresboden lauschend; ausruhend im Schatten unter dem Feigenbaum im Kartoffelacker umgeben von den erfrischend feinen Wassertro\u0308pfchen der Berieselungsanlage, die in der Sonne funkeln; an der Ballustrade an den Klippen vom kleinen Ku\u0308stensta\u0308dtchen Polignano A Mare, 30 Meter u\u0308ber der blauen Meereslagune mit jauchzenden Badenden im klaren Wasser unter mir.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"column\">\n<p>Als die goldene Stunde in Conversano anbricht, gebe ich das Fahrrad wieder ab. Hatte ich mich am Morgen noch gewun- dert, warum so viele Ba\u0308nke aneinander- gereiht auf dem Kirchplatz stehen, wird es jetzt klar. Allein, zu zweit, zu dritt sitzen meist a\u0308ltere Herren dort im letzten Sonnenlicht, erza\u0308hlen oder tun einfach nichts. Ich setze mich dazu, schaue die Menschen an, schaue der Sonne beim Untergehen zu. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das Nichtstun gelungen ist, aber ich werde es gern wieder versuchen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"August 2017, von Lydia Polzer\r\n\r\nEs gibt immer mehr zu tun, ob bei der Arbeit, nach Feierabend oder im Italienurlaub. Kein Aspekt unseres Lebens ist vor dieser konstanten Betriebsamkeit sicher. 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