{"id":1980,"date":"2017-09-12T12:12:19","date_gmt":"2017-09-12T10:12:19","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=1980"},"modified":"2017-09-12T17:38:44","modified_gmt":"2017-09-12T15:38:44","slug":"langsamkeit-die-richtige-geschwindigkeit-muessiggang-liegt-im-trend-mit-jonas-geissler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/langsamkeit-die-richtige-geschwindigkeit-muessiggang-liegt-im-trend-mit-jonas-geissler\/","title":{"rendered":"Langsamkeit &#8211; die richtige Geschwindigkeit. M\u00fc\u00dfiggang liegt im Trend, mit Jonas Gei\u00dfler"},"content":{"rendered":"<p>Deutschlandfunk Kultur, 4.9.2017<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-1980-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mach-mal-langsam-als-mp3.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mach-mal-langsam-als-mp3.mp3\">https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Mach-mal-langsam-als-mp3.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/langsamkeit-die-richtige-geschwindigkeit-muessiggang-liegt.976.de.html?dram:article_id=395017\">Link zum Nachh\u00f6ren<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"kicker\">Zeit so effizient wie m\u00f6glich gestalten: Nicht selten hat dieses Streben nach Optimierung unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen bis hin zum Burn-out. Der neue Trend Slow Business steuert in die andere Richtung \u2013 ganz nach dem Motto &#8220;Yoga ist das neue Joggen&#8221;.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich mag Tempo. Ich muss kein Tempo rausnehmen, weil ich kein Problem mit Tempo habe.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Die richtige Geschwindigkeit zu finden, das ist vor allem ein gesellschaftliches Problem.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Das ungeschriebene Gesetz lautet: Schneller ist besser als langsamer.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Achtsamkeit bedeutet nicht, dass man alles langsam machen soll.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Wir kriegen ein anderes Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit, wenn wir achtsam mit der Welt umgehen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Speeddating, Powernapping, Multitasking: Zeit so effizient wie m\u00f6glich gestalten \u2013 das geh\u00f6rt zu unserem Leben wie schlafen, essen und trinken. Vor kurzem jedoch meldete &#8220;Wolf&#8221;, nach eigener Aussage das M\u00e4nnermagazin f\u00fcrs Wesentliche, dass 68 Prozent aller deutschen M\u00e4nner, also mehr als zwei Drittel, weniger Tempo im Leben wollen. Nun stehen Zeitschriftenst\u00e4nder mit Ratgebertiteln wie &#8220;Nein sagen&#8221;, &#8220;Loslassen&#8221;, &#8220;Entschleunigen&#8221; und &#8220;Achtsamkeit&#8221; ganz vorne in deutschen Bahnhofsbuchhandlungen. Was sagt uns das? Der Zeitforscher Jonas Gei\u00dfler:<\/p>\n<p><em>&#8220;Das sagt uns, dass wir einerseits sehr schnell geworden sind, sich daraus ein Gegentrend entwickelt und dass unser System die Probleme, die es selbst erzeugt, zum Gesch\u00e4ft macht. Und das ist sehr lukrativ.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Die Probleme, die unser System selbst erzeugt? Begonnen, so Jonas Gei\u00dfler, hat es vor mehr als 500 Jahren. Damals erfanden die Menschen die mechanische R\u00e4deruhr und begannen damit, ihren nat\u00fcrlichen Lebensrhythmus zu vertakten. Abl\u00e4ufe ohne Abweichungen festzulegen \u2013 wider die Natur. Die Menschen brachten das Prinzip &#8220;Zeit ist Geld&#8221; in die Welt, gefolgt vom Grundsatz &#8220;Wachstum durch Beschleunigung&#8221;. Genau darauf basiert unser Wohlstand, doch der st\u00f6\u00dft in der digitalen und globalisierten Welt von heute an seine Grenzen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Weil wir wichtige Wirtschaftsg\u00fcter, n\u00e4mlich Daten und Informationen, mit Lichtgeschwindigkeit verschicken k\u00f6nnen, und das k\u00f6nnen wir nicht beschleunigen. Also brauchen wir ein anderes Modell der Beschleunigung, und das ist Verdichtung: mehr gleichzeitig. Und da stecken wir. Also das hei\u00dft: Wir haben mehr Optionen als jede Generation vor uns und haben entsprechende Ger\u00e4te, die uns diese Optionen direkt an unsere Wahrnehmung liefern, immer n\u00e4her auch ran, von der Hosentasche ans Handgelenk, an die Brille und demn\u00e4chst in den K\u00f6rper rein. Das ist wahrscheinlich abzusehen, dass das passieren wird, und die bombardieren quasi unsere Wahrnehmungen und zwingen uns dazu, Zeitentscheidungen zu treffen und zwar pausenlos. Das ist sehr anstrengend.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Irgendwann kommt der Burn Out<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und kann krank machen, mit allen nur erdenklichen Nebenwirkungen: von R\u00fcckenschmerzen \u00fcber Schlaflosigkeit bis hin zum &#8220;Burn Out&#8221;. Menschen leiden heute st\u00e4rker als je zuvor in der Geschichte unter Zeitdruck. Deshalb entwickeln sie Hilfsinstrumente auf der Suche nach der richtigen Geschwindigkeit. Alexander Steinhart beispielsweise hat mit Kollegen eine Smartphone-App programmiert, um der st\u00e4ndigen Reiz\u00fcberflutung Herr zu werden. &#8220;Offtime&#8221; hei\u00dft sie. Mit ihr legen die Nutzer fest, wann, f\u00fcr wen und auf welchen Kommunikationswegen sie erreichbar sein wollen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Das hei\u00dft wirklich, st\u00f6rende Anrufe abzublocken mit \u2018ner netten Nachricht, wann man wieder erreichbar ist, dass kein Chaos auf der anderen Seite entsteht. Und zum anderen sich selber eben auch zu blockieren und manche Apps sich zu verwehren. Na, das hei\u00dft konkret tags\u00fcber wahrscheinlich Facebook, Snapchat zu blockieren und da produktiv zu sein und abends dann die Arbeits-E-Mails zu blockieren. Je nachdem, wie man es m\u00f6chte, kann man einstellen, dass es eben mit einer Minute Verz\u00f6gerung wieder erreichbar ist oder wirklich dann die Hardcore-Variante: bis zum n\u00e4chsten Morgen oder bis zum Ende der Zeit, wo man das nicht mehr m\u00f6chte, nicht erreichbar ist.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Sinn des Ganzen: Zeit gewinnen f\u00fcr konzentriertes Arbeiten, f\u00fcr ablenkungsfreies Zusammensein mit wichtigen Menschen oder einfach f\u00fcr sich selbst. 100.000 Personen nutzen die App regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p><em>&#8220;Datteln im Speckmantel, mit einem Hauch von Marzipan. &#8211; Die Datteln sind noch gef\u00fcllt mit Marzipan. &#8211; Hervorragend. Der erste Teller war in 30 Sekunden weg.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Empfang in einem Berliner K\u00fcchenstudio \u2013 es gibt Fingerfood und Kaltgetr\u00e4nke. Der CDU-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf hat an den Kurf\u00fcrstendamm geladen. Die Parteimitglieder schw\u00f6ren sich auf den Wahlkampf ein.<\/p>\n<p><em>&#8220;Einen ganz besonders donnernden Applaus, ein herzliches Willkommen f\u00fcr Julia Kl\u00f6ckner.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Politiker unter Zeitdruck<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Gast: die Rheinland-Pf\u00e4lzische CDU-Chefin Julia Kl\u00f6ckner. Vor dem Empfang ein Sitzungstermin im Mainzer Landtag, danach noch eine Besprechung in der Berliner Parteizentrale. Kaum eine Berufsgruppe steht so unter Zeitdruck wie die der Politiker. Gerade in Wahlkampfzeiten. Julia Kl\u00f6ckner hat damit kein Problem.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich pers\u00f6nlich f\u00fchle mich in keinem Hamsterrad. Ich mache meine Arbeit wie viele andere auch, ich plane meine Arbeit durch, ganz klar, es gibt hektische Tage und weniger hektische Tage, aber das haben auch andere. Und insofern kann ich nur f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sagen, dass das biblische Wort f\u00fcr mich sehr pr\u00e4gend ist: Wenn man geht, geht man, wenn man steht, steht man, wenn man sitzt, sitzt man, und wenn man isst, dann isst man. Und sich bewusst zu machen, was man isst und nicht tausend Sachen nebenher zu machen, ich glaube, das ist Entschleunigung. Aber man muss keine Religion draus machen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Ein paar Kilometer weiter, in der SPD-Parteizentrale in Berlin-Kreuzberg stellt der ehemalige M\u00fcnchner Oberb\u00fcrgermeister Christian Ude sein neuestes Buch vor.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ein Tag wie heute in Berlin ist gehetzt wie zu den schlimmsten Amtszeiten. Vorher war ich einen Monat mit meiner Frau in Griechenland, und das war die Zeit zum Atemholen, zum Entspannen, zum Tiefenentspannen, zum Erholen. Und da w\u00fcrde ich sagen: Das Tempo stimmt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&#8220;Macht endlich Politik!&#8221; fordert er im Buchtitel. Christian Ude l\u00e4sst kein gutes Haar an seinem Berufsstand. Kein Politiker h\u00e4tte noch Interesse daran, einen offenen, seri\u00f6sen Diskurs zu f\u00fchren und gemeinsam neue Ideen und Perspektiven zu entwickeln, kritisiert er. Und das sei keine Frage von Zeitmangel, f\u00fcgt er hinzu, er habe das in den 21 Jahren im M\u00fcnchner Rathaus auch hinbekommen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Als Oberb\u00fcrgermeister zumal hat man dann nat\u00fcrlich unglaubliche Hilfen, zum Beispiel in meinem Fall elf Referate der Stadtverwaltung, die mich auf das jeweilige Thema ihres Fachbereichs vorbereitet haben, Mitarbeiterstab, der die Gutachten liest und in K\u00fcrze zusammenfasst, so dass ich nur noch die Zusammenfassungen lesen musste. Also das ist eine privilegierte Situation. Wir brauchen aber Antworten, die auch f\u00fcr den Normalb\u00fcrger eine Aussagekraft haben, und da kann ich nur sagen: Informiert euch auch mal \u00fcber abweichende Meinungen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Politik in unserer Wahrnehmung wird tats\u00e4chlich immer mehr zum Leistungssport.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Politiker stecken in einem Dilemma<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Best\u00e4tigt Thomas Kliche, Professor f\u00fcr Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Schwerpunkt Politische Psychologie.<\/p>\n<p><em>&#8220;Man muss schlagfertiger sein, man muss brillanter sein, man muss mehr Statistiken und mehr Argumente drauf haben, man muss das Ganze auch noch bescheiden und freundlich vortragen und dabei alle m\u00f6glichen Zielgruppen l\u00e4chelnd ansprechen. Aber das ist eigentlich nicht die Substanz von Politik, das ist das Wesen ihrer Verpackung. Das ist im Grunde die Welt der Talk-Shows. Das ist Dschungelcamp auf politisch. Und der Zeitdruck kommt rein, weil in diesem Anderthalb-Minuten-Format, wo man keine l\u00e4ngeren Gedanken mehr entwickeln kann, tats\u00e4chlich der Schlagfertigere und kurzfristig Schlauere obsiegt. Dadurch kriegen wir den Eindruck, so sei Politik, aber genau so ist sie eigentlich nicht.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Politik, vor allem wenn sie gut sein will, braucht den langen Atem, so der Wissenschaftler. Braucht das Zusammentragen von Fakten, das Abw\u00e4gen von Argumenten, die Diskussion, auch den Streit. Sonst st\u00fcnde das Funktionieren des politischen Systems insgesamt auf dem Spiel. &#8220;Macht mal langsam&#8221; mag er den Politikern zurufen, &#8220;lasst euch Zeit&#8221;. Doch auch Thomas Kliche wei\u00df: Politiker stecken in einem Dilemma: sie m\u00fcssen immer weiter reichende Entscheidungen in immer k\u00fcrzeren Zeitabst\u00e4nden treffen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Da Demokratie langsam ist, langsamer als brutale, selbsts\u00fcchtige Entscheidungen, hinkt sie auch hinterher, was zum Beispiel die Kontrolle von Spekulationskapital angeht. Es flie\u00dft sehr rasch, schwupps ist es auf \u2018nem anderen Kontinent. Und ein Programm, das gegen ein anderes Programm spielt, ruiniert einen Staat, und schwupps sind wieder ein paar Milliarden woanders. Das ist sehr schwer zu kontrollieren. Wir brauchen eine weltweite Z\u00e4hmung von frei flotierendem Kapital und Kapitalismus, so wie wir sie national im Sozialstaat hatten. Und wir m\u00fcssen dieses Modell in relativ rascher Zeit entwickeln, weil eben einfach die Polkappen schmelzen. Da stehen wir in einer neuen Art unter Zeitdruck, und zwar unter ganz existentiellem Zeitdruck. Aber das ist genau der Zeitdruck, den die meisten Menschen gar nicht als solchen wahrnehmen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Was passiert dann? Das sind Momente, wo Yoga sich bemerkbar macht.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft w\u00e4re eine langsamere Gangart hilfreich. Denn: gestresste Mitarbeiter sind \u00f6fter und vor allem l\u00e4nger krank. Die Zahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen hat sich laut DAK Gesundheitsreport in den vergangenen vierzig Jahren verf\u00fcnffacht. Das kostet die Wirtschaft Milliardenbetr\u00e4ge. Immer mehr Unternehmen bieten deshalb Gesundheitskurse und Workshops an \u2013 zu den Themen Achtsamkeit, Meditation, Yoga.<\/p>\n<p><em>&#8220;\u2026 einmal noch: Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Atmet ein! Und haltet das. Lasst los. Ahhhh \u2026 &#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der Bayer-Konzern, Standort Berlin, bietet schon seit vielen Jahren Yogakurse an. F\u00fcnfzehn Mitarbeiter des Unternehmens verteilen sich auf ihren Matten in der firmeneigenen Gymnastikhalle. Auch Erhard Herrmann macht mit, er ist leitender Koordinator in den Bereichen Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Umweltmanagement.<\/p>\n<p><em>&#8220;Man kann dann richtig sch\u00f6n abschalten, das Gehirn kommt zur Ruhe, rattert nicht mehr so viel. Es wirkt sich dann auch auf den K\u00f6rper aus, der K\u00f6rper wird ruhig. Und nat\u00fcrlich der Langzeitbenefit ist, dass man mit Yoga sozusagen den Schl\u00fcssel hat, um die T\u00fcr zu einer besseren Gesundheit aufzumachen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Yoga f\u00fcrs Betriebsklima<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit mittlerweile zw\u00f6lf Jahren macht er Yoga. Sieben Jahre lang leitete er ein Bayer-Werk mit 700 Mitarbeitern in Mexiko. Seitdem wei\u00df Erhard Herrmann: Yoga sorgt auch f\u00fcr ein besseres Betriebsklima.<\/p>\n<p><em>&#8220;Man wird ruhiger, gelassener den Mitarbeitern gegen\u00fcber, man wirkt cooler. Und es springt dann ja auch \u00fcber auf die Mitarbeiter. Wenn die \u2018nen ruhigen Chef haben, dann werden die auch ruhig. Insofern ist man da dann ein Multiplikator und hat es dann auch einfacher als Chef, weil die Mitarbeiter einfacher mitziehen. Mit \u2018nem ruhigen Chef, der nicht st\u00e4ndig rumschimpft und cholerisch und rot anl\u00e4uft, das ist dann schon hilfreich.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcnf bis zehn Prozent der 4.700 Mitarbeiter des Bayer-Konzerns in Berlin nehmen an den Gesundheitskursen teil. W\u00e4re sch\u00f6n, wenn es mehr w\u00e4ren, sagt Sabine Griebel, Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Mit den vierzehn Mitarbeitern ihrer Abteilung hat sie vor kurzem etwas Neues ausprobiert \u2013 eine Methode, die zurzeit in aller Munde ist: MBSR, Mindfulness-Based-Stress-Reduction \u2013 Stressbew\u00e4ltigung durch Achtsamkeit.<\/p>\n<p><em>&#8220;Wir leiten jetzt jede Abteilungssitzung durch eine stille Drei-Minuten-\u00dcbung ein, das ist nat\u00fcrlich gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, aber die Mitarbeiter freuen sich darauf. Und ich nutze das immer gerne, damit man allgemein runter kommt, damit man auch einen guten Bezug zu sich selbst hat und dann aus der Ruhe heraus auch \u00fcber die Themen spricht, \u00fcber die man eben in einer Abteilungssitzung sprechen muss.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Als Betriebs\u00e4rztin wei\u00df Sabine Griebel: die klassischen Arbeitsunf\u00e4lle bei einem Konzern wie Bayer \u2013 Verbrennung, Verbr\u00fchung, Ver\u00e4tzung \u2013 kommen nur noch selten vor. Hauptproblem sind die psychischen Erkrankungen von Mitarbeitern. Um hier pr\u00e4ventiv etwas zu erreichen, muss es mehr geben als nur Gesundheitskurse.<\/p>\n<p><em>&#8220;Das Gesamtkonstrukt, und jetzt sind wir bei dem Thema Management, das ist ja, dass alle F\u00fchrungskr\u00e4fte hier zu einem Seminar \u201aF\u00fchrung und Gesundheit\u2019 gehen m\u00fcssen, also sollten, sagen wir es mal so, und sollen dann sozusagen ein Grundverst\u00e4ndnis daf\u00fcr gewinnen, was hei\u00dft das eigentlich: gesund f\u00fchren? Es ist ja nicht Schwarzbrot und M\u00f6hre und Joggen, sondern es ist ein gesundes, Menschen wertsch\u00e4tzendes Grundverhalten, was sich dann auch wieder zur\u00fcck wirft \u2013 auf die Atmosph\u00e4re in die Abteilung und auch auf Arbeitsergebnisse.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Im Optimalfall entwickeln die F\u00fchrungskr\u00e4fte mehr Empathie f\u00fcr ihr Umfeld, eine h\u00f6here Sozialkompetenz, die Mitarbeiter werden produktiver und kreativer. Andere Gro\u00dfkonzerne wie SAP, Facebook und Google schicken die Mitglieder ihrer Chefetagen regelm\u00e4\u00dfig zum Achtsamkeitstraining. Bayer bietet Seminare dieser Art am Standort Berlin seit drei Jahren an. Sabine Griebel sch\u00e4tzt, ein Drittel der F\u00fchrungskr\u00e4fte habe bisher daran teilgenommen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Schieben und dr\u00fccken. Also wir legen gro\u00dfen Wert darauf, aber man kann nat\u00fcrlich niemanden zwingen. Wir setzen auf den positiven Sog.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Einen &#8220;positiven Sog&#8221; erzeugen, althergebrachte Firmenstrukturen beim Zeitmanagement ver\u00e4ndern? Das ist immer noch ein m\u00fchsamer Prozess. Die Erfahrung macht auch Jonas Gei\u00dfler. Er forscht nicht nur \u00fcber die Zeit, er ber\u00e4t auch im klugen Umgang mit der Zeit. In Vortr\u00e4gen, Seminaren oder als Coach.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich begleite gerade eine Firma, oder einen Teil einer Firma, dabei. Die haben sich so \u2018nen Code of Conduct geschrieben: &#8216;Wie verhalten wir uns in Bezug auf E-Mails, Meetings usw.&#8217; Der wird aber nicht gelebt, weil alle in den alten Trott zur\u00fcckfallen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Beispiel: der Manager, der gern mal am Samstagabend um 23 Uhr berufliche E-Mails verschickt.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich habe jetzt auch schon mit F\u00fchrungskr\u00e4ften gearbeitet, die das auch reflektiert haben und ihren Mitarbeitern gesagt haben: &#8216;Lasst euch davon nicht st\u00f6ren. Ich erwarte gar nicht, dass ihr schnell drauf reagiert, aber bei mir ist es halt so, manchmal kommen um 23 Uhr noch gute Gedanken. Ich will die halt noch versenden&#8217;. Das war dann trotzdem sehr sch\u00e4digend. Also das hei\u00dft, die Mitarbeiter f\u00fchlten sich dann doch gen\u00f6tigt zu antworten.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Keine E-Mails mehr am Wochenende<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Fall konnte der Unternehmensberater den Manager dazu bewegen, keine beruflichen E-Mails mehr am Wochenende abzuschicken. Dennoch braucht es viel Zeit, sagt Jonas Gei\u00dfler, bis neue L\u00f6sungen f\u00fcr \u00f6konomischere Arbeitsformen etabliert sind.<\/p>\n<p><em>&#8220;Was ich tats\u00e4chlich auch erlebe bei Politikern und bei Leuten im Management, dass man nat\u00fcrlich auch gehetzt sein muss, um ein gutes Mitglied der jeweiligen Organisation zu sein. Zeit zu haben, wird sehr verd\u00e4chtig. Und so sichere ich mir meine Zugeh\u00f6rigkeit zu den wichtigen, gefragten Besch\u00e4ftigten auch immer, indem ich so tue und mir auch suggeriere, dass ich eben keine Zeit habe. In unserer Wachstums- und Wettbewerbsgesellschaft ist das quasi ein eingeschriebener Code.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in Politik und Wirtschaft auch immer noch Situationen, in denen schnell reagiert werden muss, in denen langsames Handeln keine Alternative ist. Beispiel: die spontane Entscheidung der Regierenden in Deutschland im Herbst 2015, Hunderttausende gefl\u00fcchtete Menschen aus den syrischen Kriegsgebieten unb\u00fcrokratisch ins Land zu lassen. Dazu der \u201aeingeschriebene Code\u2019, wie Jonas Gei\u00dfler ihn nennt, dass nur der Anerkennung findet, der st\u00e4ndig besch\u00e4ftigt ist, der also keine Zeit hat, und der weiterhin unseren Lebensalltag bestimmt. Auch und vor allem den digitalen, findet Social-Media-Experte Alexander Steinhart.<\/p>\n<p><em>&#8220;In der \u00d6konomie der Aufmerksamkeit sind sehr viele Unternehmen, Snapchat, Facebook, die einfach damit besch\u00e4ftigt sind, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Das hei\u00dft, da sind Psychologen, da ist ein Team dahinter, die schauen, dass die Leute m\u00f6glichst viel und m\u00f6glichst lange online sind. Und ich als Einzelperson habe da gar keine Chance gegen das Team von Psychologen, mich dagegen zu wehren.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Okay, jetzt w\u00e4re Zeit f\u00fcr die letzte Sitzmeditation, 15 Minuten\u2026&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Meditation mit dem Smartphone<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Schulaula in Berlin-Neuk\u00f6lln. Lothar Schwalm bittet seine Kursteilnehmer, ihre vorletzte \u00dcbung abzuschlie\u00dfen, eine Geh-Meditation. 37 Menschen \u2013 mehr Frauen als M\u00e4nner, mehr Junge als Alte \u2013 haben an diesem Tag sieben Stunden lang Meditationstechniken ge\u00fcbt \u2013 und geschwiegen. Unter Anleitung von Lothar Schwalm, 59, gelernter Tischler, heute MBSR-Kursleiter, oder ganz einfach: Achtsamkeitstrainer. In Berlin geh\u00f6rt er zu den Pionieren des Gewerbes, 2003 fing er damit an.<\/p>\n<p><em>&#8220;Der erste Kurs bestand aus einer Frau, die sich so ein bisschen verirrt hatte, und zwei Kolleginnen, die ich gen\u00f6tigt hatte, damit ich \u00fcberhaupt jemanden bekam. Also das war nat\u00fcrlich vollkommen unbekannt. Und damals auch in der esoterischen Ecke. Die, die schon Meditationspraxis hatten, die dachten, es ist vielleicht Meditation light, also nichts, was ernst zu nehmen ist. Und die damit nichts zu tun hatten, die dachten oft, es ist was Esoterisches.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Gut, damit ist das Schweigen gebrochen\u2026&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Die verschiedenen Meditationstechniken gibt es l\u00e4ngst als Smartphone-App. Stressbew\u00e4ltigung durch Achtsamkeit ist im Mainstream der Gesellschaft angekommen.<\/p>\n<p><em>&#8220;\u00dcberall wird \u00fcber Achtsamkeit geschrieben, auch mittlerweile auf \u2018ne Weise, wo ich mich selbst gar nicht mehr wiederfinde. Weil: Es gibt mittlerweile Achtsamkeits-Ausmalb\u00fccher in \u2018ner Bahnhofsbuchhandlung, das hat \u00fcberhaupt gar nichts mit Achtsamkeit zu tun, jedenfalls nicht mit der Achtsamkeit, wie ich die verstehe.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;\u2026 Also ich w\u00fcrde, wenn es geht, das Stressprogramm f\u00fcr heute Abend vermeiden.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Achtsamkeit ist die F\u00e4higkeit, sich bewusst zu machen, was im Hier und Jetzt passiert, es zu betrachten und zu bewerten. Das kann man trainieren, sagt Lothar Schwalm. Untersuchungen haben gezeigt, dass regelm\u00e4\u00dfiges Meditieren die Gehirnstruktur ver\u00e4ndert. Die Menschen sind konzentrierter und k\u00f6nnen ihre Gef\u00fchle besser kontrollieren. In vielen Kliniken wird Achtsamkeit trainiert, um Depressionen und Angstst\u00f6rungen zu behandeln.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich glaube, viele Leute gerade in der heutigen Zeit leiden auch da drunter, weil auch oft vermittelt wird, dass man, wenn man blo\u00df die richtige Methode \u00fcbt, diesen grunds\u00e4tzlichen Stress irgendwie ein f\u00fcr alle Mal beseitigen k\u00f6nnte. Und das ist nat\u00fcrlich \u2018ne Illusion. Das funktioniert nicht: Bei Achtsamkeit geht es auch nicht darum, dass man immer nur gl\u00fccklich und gesund ist, sondern dass man auch mit den schwierigen Dingen des Lebens besser umzugehen lernt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Seine Kursteilnehmer sind teilweise schon seit Jahren dabei. Zum Beispiel Virginia, pensionierte Lehrerin f\u00fcr Deutsch und Gesellschaftskunde.<\/p>\n<p><em>&#8220;Achtsamkeitsmeditation ist nicht Wellness. Sondern: Da kann man sehen, was in einem vorgeht, als w\u00fcrde man hinter einem Wasserfall stehen. Man wird nass, man h\u00f6rt das Rauschen, man sieht die Wirbel, aber man ist nicht mittendrin.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Klimaforscher wird Achtsamkeitstrainer<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder Michael, Klimaforscher, der sich mit dem Gedanken tr\u00e4gt, eine Fortbildung zum Achtsamkeitstrainer zu machen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich habe f\u00fcr mich gefunden, welche Geschwindigkeit mir passt, ich habe noch nicht den Weg gefunden, wie ich in der Geschwindigkeit auch immer leben kann. Also mir ist das Leben in der Stadt und Beruf oft zu schnell. Ein gutes Beispiel, finde ich, ist hier in Berlin: Allein das ganze Freizeit- und Kulturangebot, das kann einen ja auch stressen. Wenn man ins Veranstaltungsheft schaut und \u201awas man heute schon wieder alles machen k\u00f6nnte\u2019, und dann entweder zu drei Terminen gleichzeitig rennt, erst ins Kino, dann ins Konzert, dann auf \u2018ne Party, oder sich so unter Druck f\u00fchlt, dass man gar nichts mehr macht. Das muss man auch lernen, sich selbst zu disziplinieren.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Oder Celine, freie Journalistin, die kein Smartphone besitzt und zuhause auch keinen Fernseher und keinen Computer.<\/p>\n<p><em>&#8220;Wir werden zu ehrgeizigen Menschen auch erzogen. Wir setzen uns Ziele, und die wollen wir unbedingt erreichen. Und ganz lange Zeit dachte ich, ich bin ein Versager, ich bin ein Verlierer. Wenn ich da nicht mithalten kann, dann bin ich einfach nicht auf der H\u00f6he. Und, ja, das ist ein Prozess, ich glaube, das ist ein langj\u00e4hriger Prozess zu akzeptieren, dass diese Vorgaben, die von au\u00dfen kommen, diese Erwartungen, diese Vorstellungen, dass sie mit den eigenen Bed\u00fcrfnissen oft nicht viel zu tun haben, dass es zwei Dinge sind, die es gilt auch auseinander zu halten. Immer wieder sich zu fragen: Was tut mir gut und was nicht?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Antwort auf die Beschleunigung?<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist Achtsamkeit also die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Antwort auf die Beschleunigung der Gesellschaft? Ein Befreiungsschlag \u2013 raus aus der Welt der verdichteten Informationen? Oder macht sie umgekehrt die Menschen erst recht fit f\u00fcr den Turbokapitalismus? Wenn Weltkonzerne wie Google, Facebook oder eben auch Bayer Meditationen und Yoga toll finden, ist eine gewisse Skepsis angebracht.<\/p>\n<p><em>&#8220;Achtsamkeit hat ganz sicher die Gefahr, ins Private wegzurutschen. Aber Achtsamkeit ist ja sehr viel mehr als Langsamkeit und Selbstbezogenheit.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Best\u00e4tigt Thomas Kliche, Professor f\u00fcr Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Der Experte f\u00fcr Politische Psychologie glaubt, die Mehrheit der Menschen will mit Achtsamkeit nichts zu tun haben: ihr oberfl\u00e4chliches Leben ist ihnen genug. Auf der anderen Seite erkennt er jedoch auch eine wachsende Zahl von Menschen, denen bewusst ist, wie vielgestaltig die Welt ist und dass es h\u00f6chste Zeit ist sich einzumischen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Wie viele Menschen werden auf einmal Veganer oder Vegetarier? Das hat ja nicht nur was damit zu tun, dass diese Gr\u00fcnkerndinger so dolle schmecken. Sondern das hat auch etwas mit einer Verantwortlichkeit f\u00fcr Sch\u00f6pfung zu tun. Also die Bez\u00fcge, in denen Menschen ihr Leben und ihre Handlungen planen, die werden langfristiger, weiter und internationaler. Und wir geraten bei den langfristigen Entwicklungen zum ersten Mal vielleicht in der Existenz der Menschheit unter einen Zeitdruck, den wir nicht kannten. Und den wir \u00fcberhaupt erst in unsere politischen Entw\u00fcrfe und Bez\u00fcge und Handlungsweisen einbauen m\u00fcssen. Das ist im Grunde die Diskussion mit Trump um das Klima.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Jahrzehntelang galt: Fortschritt ist gleich Wachstum durch Beschleunigung. Heute gilt: schnell leben ist ungesund. Der neue Trend verspricht Entschleunigung durch Nachhaltigkeit und hat auch einen Namen: Slow Business. Seitdem tun sich neue Gesch\u00e4ftsfelder auf: slow design, slow architecture, slow media, slow travel, slow sex, und \u2013 quasi der Namensgeber f\u00fcr den Wertewandel: slow food.<\/p>\n<p><em>&#8220;\u2026 der mit Tr\u00fcffel\u00f6l, geht nicht, Tr\u00fcffel\u00f6l ist immer synthetisch, \u2026&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Slow food entstand 1989 in Italien, heute z\u00e4hlt die Bewegung etwa 100.000 Mitglieder weltweit. Auch in Berlin gibt es eine Gruppe, sie trifft sich regelm\u00e4\u00dfig. Die Slow-foodies diskutieren, welche Lebensmittelproduzenten aus der Region zu empfehlen sind oder wie gut das Lokal ist, das sie f\u00fcr ihren Stammtisch neu ausgew\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p><em>&#8220;Sch\u00f6ne kleine Karte, offensichtlich alles frisch und handgemacht. Die mit K\u00e4se gef\u00fcllten Nudeln waren handgemacht, einen kleinen Salat dazu, kein Schischi, gef\u00e4llt mir vom Ansatz extrem gut. Um auch das zu sagen: Wir sind keine Zertifizierungsorganisation. Wir wollen nicht dogmatisch sein. Ich laufe nicht, bevor ich irgendwo essen gehe, durch die K\u00fcche und gucke in alle T\u00f6pfe und alle Schr\u00e4nke, ob das okay ist, sondern da verlasse ich mich in Teilen eher auf meinen Geschmack und meinen Gaumen und sage f\u00fcr mich selbst: Das passt oder das passt nicht im Gesamtpaket.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Langsames Essen als Philosophie<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lars J\u00e4ger ist der Leiter von Slow food Berlin. Die Philosophie der Bewegung ist einfach: die Lebensmittel sollten gut, sauber und fair hergestellt sein. Gut, weil hochwertig, sauber, weil umweltschonend, und fair, weil die Landwirte \u2013 wo auch immer in der Welt \u2013 gerecht bezahlt werden daf\u00fcr. Weg von industrieller Massenfertigung, hin zu regionalen Manufakturen. Hauptsache, man kann es sich preislich und zeitlich leisten.<\/p>\n<p><em>&#8220;Also: Selber kochen, diese F\u00e4higkeit sich anzueignen oder zu bewahren, spart enorm viel Geld.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Mit g\u00fcnstigen, aber m\u00f6glichst hochwertigen Zutaten zu einem schmackhaften, aber wenig zeitaufw\u00e4ndigen Ergebnis zu kommen \u2013 das ist f\u00fcr viele der ideale Kompromiss.<\/p>\n<p><em>&#8220;Und unser Thema ist ja heute die schnelle K\u00fcche. Das hei\u00dft, ich sage oft auch: die Alternative zur Tiefk\u00fchlpizza, dass wenn man abends nach Hause kommt, nicht noch stundenlang kochen will. Deshalb ist der Ehrgeiz hierbei, dass wir als Zubereitungszeit nicht l\u00e4nger als 30 Minuten haben.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Anke Meiswinkel betreibt eine kleine Kochschule. Zw\u00f6lf G\u00e4ste sind gekommen, um ein paar Tricks aus der K\u00fcche f\u00fcr Eilige kennen zu lernen. Elf Frauen, ein Mann: R\u00fcdiger, um die 50, von Beruf Softwareverk\u00e4ufer.<\/p>\n<p><em>&#8220;Im Beruf, da bin ich immer schnell, da kann ich wenig zur\u00fcckschalten, das mache ich beim Kochen. Vorbereiten eines guten Gerichtes, eines mehrg\u00e4ngigen Gerichtes braucht schon eine gewisse Weile. Da kann man gut abschalten, da kann man sich auf die handwerklichen Sachen konzentrieren, und man schaltet den Kopf ab.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Ich w\u00fcrde es nicht zu d\u00fcnn schneiden, R\u00fcdiger.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Lieber dicker?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>In seiner Gruppe bereitet R\u00fcdiger die Hauptspeise vor: Schweinefilet in Heidelbeer-Schmandso\u00dfe mit Basmatireis. Slow food ist ihm nat\u00fcrlich ein Begriff: wenn er gen\u00fcgend Zeit hat, h\u00e4lt er sich gern an die Kriterien der Bewegung. Aber es muss auch mal schnell gehen k\u00f6nnen, und deswegen ist er heute Abend hier.<\/p>\n<p><em>&#8220;Nie extrem sein, nie einseitig sein. \u201aIch bin vegan, ich bin Vegetarier, ich bin nur slow food\u2019: Das ist mir zu radikal. Es gibt so viel im Leben zu erleben, warum soll ich mich auf eine Sache beschr\u00e4nken?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wenn es ginge, sagt Anke Meiswinkel, w\u00fcrde sie in ihren Kochkursen ausschlie\u00dflich fair gehandelte, Umweltschonend hergestellte und qualitativ hochwertige Ware verwenden. Blo\u00df m\u00fcsste sie dann eine viel h\u00f6here Teilnehmergeb\u00fchr verlangen. Ihr Beitrag zu Slow Food ist ein anderer: die G\u00e4ste mit den Lebensmitteln so vertraut zu machen, dass hinterher kaum etwas weg geschmissen werden muss.<\/p>\n<p><em>&#8220;Zum Beispiel wenn ich sehe, es wird eine Vinaigrette zusammenger\u00fchrt aus den sch\u00f6nsten und teuersten \u00d6len, und die schmeckt nicht, dann wird das weggekippt und wieder von vorne angefangen. Jeder, der halbwegs kochen kann, kann aus \u2018ner verungl\u00fcckten Sache wieder \u2018ne schmackhafte Speise machen.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Was bleibt? Aufkl\u00e4rung ist wichtig \u2013 nicht nur im Kochstudio. Sich bewusst werden dar\u00fcber, wann es sch\u00f6n ist, wenn das Leben rast, und wo hilfreich, wenn es langsam zugeht. Langeweile zulassen auf der Suche nach der richtigen Geschwindigkeit. Wer sich langweilt, schafft Platz f\u00fcr kreative Momente. Sagt Zeitforscher Jonas Gei\u00dfler. Seine Vortr\u00e4ge zum Thema \u201aTicken wir noch richtig?\u2019 beendet er gern mit einer Tierfabel.<\/p>\n<p><em>&#8220;\u2026 diesen Cartoon von diesen zwei Eisb\u00e4ren. Der eine h\u00e4ngt irgendwie so und entspannt. Der andere fragt: \u201aUnd was machst du heute\u2019? Und er sagt: \u201anix\u2019. Und dann sagt der andere: \u201aJa, aber das hast du doch gestern auch schon gemacht\u2019. Und dann sagt der andere: \u201aJa, aber ich bin halt nicht fertig geworden\u2019.&#8221;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Deutschlandfunk Kultur, 4.9.2017\r\n\r\nZeit so effizient wie m\u00f6glich gestalten: Nicht selten hat dieses Streben nach Optimierung unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen bis hin zum Burn-out. 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