{"id":1917,"date":"2017-08-07T11:50:34","date_gmt":"2017-08-07T09:50:34","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=1917"},"modified":"2017-09-25T11:35:16","modified_gmt":"2017-09-25T09:35:16","slug":"zeitforscher-im-gespraech-wir-sollten-wieder-lernen-dinge-zu-verpassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/zeitforscher-im-gespraech-wir-sollten-wieder-lernen-dinge-zu-verpassen\/","title":{"rendered":"Zeitforscher im Gespr\u00e4ch: &#8220;Wir sollten wieder lernen, Dinge zu verpassen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1919\" src=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_.png\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"41\" srcset=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_.png 1280w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_-300x59.png 300w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_-768x151.png 768w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_-1024x201.png 1024w, https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Rheinische_Post.svg_-200x39.png 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/p>\n<p>06.08.2017<\/p>\n<p><strong>Wie nutzt man seine Lebenszeit richtig? Ist Arbeit doch Zeitverschwendung? Und kann man mehr Zeit im Leben bekommen? Der Zeitforscher Jonas Gei\u00dfler gibt Antworten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<div class=\"first intro\"><a class=\"author\" href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/leben\/gesundheit\/psychologie\/wir-sollten-wieder-lernen-dinge-zu-verpassen-aid-1.6989072#\" rel=\"author-1\">Von Susanne Hamann<br \/>\n<\/a><\/div>\n<div class=\"main-text \">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Herr Gei\u00dfler, was ist aktuell das dringlichste Problem in der Zeitforschung?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jonas Gei\u00dfler <\/strong>Die Vieldeutigkeit. Also, dass es heutzutage kein eindeutiges richtig oder falsch mehr gibt. Wir haben mehr M\u00f6glichkeiten unsere Zeit zu f\u00fcllen, als jemals zuvor.<\/p>\n<p><em>Aber ist das nicht positiv?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Sicher auf der positiven Seite bedeutet das mehr Freiheitszuwachs. Wir haben mehr Welt in Reichweite. Das hei\u00dft, ich k\u00f6nnte morgen Abend schon in Sydney sein, ein Bier trinken und dabei trotzdem ein Interview mit Ihnen f\u00fchren. Das ist ein gro\u00dfer Luxus. Aber auf der Schattenseite bedeutet es auch, dass der Alltag permanent an Erwartungen gekn\u00fcpft ist.<\/p>\n<p><em>Man steht also unter Druck st\u00e4ndig spektakul\u00e4re Dinge zu tun?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Zumindest steht man unter Druck, st\u00e4ndig Entscheidungen zu treffen. Man muss sich permanent Fragen, welche der vielen M\u00f6glichkeiten man nutzt. Damit sind auch Erwartungen an die Umwelt gekn\u00fcpft, etwa durch die sozialen Medien und die neuen Kommunikationssysteme wie WhatsApp mit denen man jeder Zeit in Kontakt stehen kann. Das kostet Geld, Zeit und Nerven.<\/p>\n<p><em>Welche Folgen hat das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Die Quantit\u00e4t der Entscheidungen w\u00e4chst, aber es wird schwieriger, qualitativ gute Entscheidung zu treffen.\u00a0Das Zeitgef\u00fchl vieler Menschen wird durch das Getrieben sein von Entscheidungen bestimmt. Dem Eindruck: &#8216;Ich werde dem nicht gerecht. Ich schaffe das nicht.&#8217; Und das ist ein immenses Problem. Denn Studien dazu, was Menschen im Beruf gesund h\u00e4lt haben gezeigt, dass es vor allem Selbstwirksamkeit und Sinnerfahrung sind. Wenn ich aber immer das Gef\u00fchl habe, dass ich die Masse, die anf\u00e4llt nicht bew\u00e4ltigen kann, habe ich den Eindruck nicht viel bewirken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Ist Arbeit also Zeitverschwendung?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler <\/strong>Nein, das w\u00fcrde ich nicht sagen. Im Gegenteil, wenn Menschen dar\u00fcber nachdenken ihre Freizeit zu erh\u00f6hen oder ein Sabbatical einzulegen, sollten sie sich auch immer fragen, wie viel Stress und Herausforderungen sie brauchen, um sich gut zu f\u00fchlen. Denn wenn das reine Nichtstun gut f\u00fcr uns w\u00e4re, m\u00fcssten Arbeitslose ja die gl\u00fccklichsten Menschen sein. Das umgedrehte ist jedoch der Fall. Der Grund daf\u00fcr ist, dass Arbeit mit dem Gef\u00fchl der Sinnerf\u00fcllung zu tun hat. Und Sinn ist wichtig f\u00fcr den Menschen.<\/p>\n<p><em>Wie kommt hier nun die Zeit ins Spiel?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Die Zeit kann ein gro\u00dfer Helfer sein, indem man sich klar macht, dass man sie selbst gestalten kann. Das vergessen viele \u00fcber den stressigen Alltag. Tats\u00e4chlich habe ich aber die Macht zu entscheiden, wie ich meine Zeit verbringen will. Damit werden die Dinge viel greifbarer. Denn nat\u00fcrlich kann ich mir immer w\u00fcnschen Gitarre zu spielen oder joggen zu gehen, aber wenn ich mich frage, ob es mir das Wert ist, daf\u00fcr Zeit aufzubringen &#8211; oder ob das vielleicht mit meinem Tagesablauf gar nicht vereinbar ist &#8211; macht das vieles klarer.<\/p>\n<p><em>Die Menschen verlernen also, ihre Zeit zu nutzen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Nichts existiert au\u00dferhalb der Zeit. Also nutzen die Menschen sie automatisch. Aber sie f\u00fcr sich selbst gut zu nutzen, das wird schwieriger. Immer mehr geraten in eine Art rasenden Stillstand. Man macht tausend Dinge, am besten alle sofort und schaut deshalb nicht mehr richtig auf das Detail. Also darauf, was man selbst wirklich will oder auch, was der Kunde jetzt wirklich braucht, oder wie die Aufgabe wirklich gut zu erledigen w\u00e4re. Man reagiert mehr, als das man agiert.<\/p>\n<p><em>Das klingt nach dem Sprichwort: &#8220;Man muss langsam gehen, um schnell zu sein.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Nein, dem w\u00fcrde ich nicht unbedingt zustimmen. Man muss nicht alles verlangsamen. Geschwindigkeit kann auch etwas sehr n\u00fctzliches sein. Krankenwagenfahrer d\u00fcrfen nicht langsam sein, beispielsweise. Es geht mehr darum zu lernen, eine Zeit-Vielfalt zu schaffen.<\/p>\n<p><em>Wie meinen Sie das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Stellen Sie sich einen Bergsteiger vor, der sprintet auch nicht von unten auf einen 8000er-Berg hoch. Er k\u00e4me sonst gar nicht oben an. Damit er das schafft, muss er wissen, wann er langsam gehen muss und wann es an der Zeit ist, sich zu beeilen, weil die Nacht anbricht. Er muss aber auch wissen, wann er Pausen braucht, um sich zu regenerieren, wann er warten muss, um zum Beispiel das Wetter zu beobachten und \u00fcber den n\u00e4chsten Abschnitt nachzudenken. Das gleiche l\u00e4sst sich auf den Alltag \u00fcbertragen. Zu merken, was wann angesagt ist, nennen wir Zeitkompetenz.<\/p>\n<p><em>Was ver\u00e4ndert sich, wenn man das lernt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Ich erlebe das beispielsweise oft bei Managern. Sie meinen immer, wenn man die Dinge nur richtig strukturiert und organisiert, dann kl\u00e4ren sich die Probleme schon. Sie wollen eben managen. Tats\u00e4chlich ist es aber keine Frage der Organisation, sondern davon die Zeit so zu gestalten, dass die eigene F\u00e4higkeiten wieder wirksam werden.<\/p>\n<p><em>Und wie macht man das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong>\u00a0Man sollte viel mehr Dinge nicht tun. Wir sollten also wieder lernen, Dinge zu verpassen. Es gibt ein Buch zum Thema IT-Management, darin steht die Pr\u00e4misse: &#8216;Man soll die Menge der nicht-erledigten Dinge maximieren&#8217;. Das trifft es sehr gut. Anstatt den Tag bis aufs letzte voll zu stopfen, sollte man lernen die Zeitr\u00e4ume, die man sich f\u00fcr etwas nimmt wieder wertzusch\u00e4tzen. Daf\u00fcr eignet sich eine &#8220;Let-it-be&#8221;-Liste, anstatt der ber\u00fchmten &#8220;To-Do&#8221;-Liste. Auf die schreibt man auf, was man alles weglassen wird.<\/p>\n<p><em>Das ist im Arbeitsalltag nat\u00fcrlich nicht immer leicht.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Das stimmt. Aber Mitarbeiter, die zu viel machen und keine Aufgabe richtig konzentriert angehen, kosten das Unternehmen tats\u00e4chlich Geld. Dazu gibt es Berechnungen. Sie machen Fehler, sie brauchen insgesamt mehr Zeit f\u00fcr eine Aufgabe und m\u00fcssen vielleicht immer wieder dran gehen. Eine Analyse zeigt, dass Mitarbeiter in Gro\u00dfraumb\u00fcros alle sieben Minuten von der Arbeit abgelenkt werden. Das ist ungef\u00e4hr so, als ob ein Marathonl\u00e4ufer sich alle sieben Minuten die Schn\u00fcrsenkel zubinden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><em>Gibt es noch andere M\u00f6glichkeiten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Eine gute \u00dcbung ist, sich jeden Abend aufzuschreiben f\u00fcr welche Tagesereignisse man dankbar ist. Das zeigt einem, was man selbst bewirken kann, was sich im Leben alles ver\u00e4ndert und das wiederum wirkt lebensverl\u00e4ngernd, weil es uns zeigt, dass nicht jeder Tag gleich ist.<\/p>\n<p><em>Man kann damit auf die Dauer der Lebenszeit einwirken?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Auf die gef\u00fchlte Lebenszeit, ja. Das geht auf das Zeit-Paradox zur\u00fcck. Das besagt, dass wenn wir nichts Neues erleben, die Zeit im Erleben lang und in der R\u00fcckschau kurz wirkt. Umgedreht, wirkt die Zeit im Erleben kurz und in der R\u00fcckschau lang, wenn viel Spannendes los ist.<\/p>\n<p><em>Das bedeutet f\u00fcr den Alltag?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Das bedeutet, dass es wichtig ist, viel Neues zu erleben, um das Gef\u00fchl eines langen Lebens zu haben. Es muss auch nicht spektakul\u00e4r sein. Wer nach Mailand f\u00e4hrt und das Gef\u00fchl hat, es sieht dort aus wie in Barcelona, hat auch den Effekt, dass die Zeit in der R\u00fcckschau verblasst.<\/p>\n<p><em>Was macht man also?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Es geht um eine lustvolle Experimentierhaltung sich selbst gegen\u00fcber: Mal einen anderen Weg zur Arbeit nehmen beispielsweise. Oder man beginnt das Meeting mit einer Minute Schweigen. Oder man startet morgens damit, dass man erstmal allen zur Begr\u00fc\u00dfung die Hand gibt. Ganz bewusst ohne Perfektionismus, sondern nur mit dem Zweck, Dinge einfach auszuprobieren und zu gucken, was passiert. Das wirkt manchmal vielleicht komisch, aber man kann das der Umwelt gegen\u00fcber genauso kommunizieren.<\/p>\n<p><em>Es hei\u00dft immer, man sollte sich mehr Zeit zum Leben nehmen. M\u00fcsste man sich also eigentlich mehr Zeit zum Experimentieren nehmen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Wer sich mehr Zeit zum Experimentieren nimmt, hat auf jeden Fall mehr vom Leben. Aber die Zeit zum Leben ist nat\u00fcrlich jeden Tag gleich, man bekommt sie ja jeden Tag nach. Wichtig ist mehr die Frage, wie viel Souver\u00e4nit\u00e4t man in seinem Leben haben will. Brauche ich viel Struktur und Planbarkeit oder mehr Flexibilit\u00e4t?<\/p>\n<p><em>Wie meinen Sie das?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Manche Menschen f\u00fchlen sich wohler, wenn sie Fahrpl\u00e4ne haben nach denen sie sich richten k\u00f6nnen und die ihnen Entscheidungen abnehmen. Heute in der Postmoderne tendiert aber alles zum Hyperloop. Der Zug ist so schnell, dass er inzwischen auf Anfrage kommt. Ich muss mich nicht mehr nach einem Fahrplan richten. Das kann viel Stress bedeuten: Fahre ich jetzt oder erledige ich erst noch etwas? Man kann dem nur begegnen indem man lernt, die Angebotswelle zu surfen \u2013 und indem man sich fragt, in welchen Situationen Verbindlichkeit oder Flexibilit\u00e4t zum Problem f\u00fcr einen werden.<\/p>\n<p><em>Sie reden immer wieder davon, dass man sich zu stark verausgabt. Aber geh\u00f6ren Stress und Zeit nicht untrennbar zusammen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Nein, nicht zwingend. Man kann viel tun und trotzdem keinen Stress haben oder positiven, also Eu-Stress, empfinden. Und Stress hat auch seinen Zweck.<\/p>\n<p><em>N\u00e4mlich welchen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> Viele f\u00fchlen sich attraktiver, wenn sie sagen k\u00f6nnen, dass sie Stress haben. Denn in unserer Gesellschaft ist das ein Zeichen daf\u00fcr, dass man zu den erfolgreichen Menschen dieser Welt geh\u00f6rt. Au\u00dferdem ist Stress ein Mittel zur Abgrenzung. Wenn ich gestresst bin, kann ich mit Fug und Recht sagen, dass ich eine Aufgabe nicht \u00fcbernehmen oder mit jemandem gerade nicht reden kann.<\/p>\n<p><em>Ist P\u00fcnktlichkeit in dieser Post-Moderne noch wichtig?<\/em><\/p>\n<p><strong>Gei\u00dfler<\/strong> P\u00fcnktlichkeit hat ja nichts mit der Zeit zu tun. Es ist vielmehr eine gesellschaftliche Moralvorstellung, die besagt, dass man sich in unseren Breitengraden an die Uhrzeit zu halten hat. Interessant ist daran vor allem, dass wir uns heutzutage immer weniger an der Uhrzeit orientieren und immer mehr am Smartphone. Deshalb sind wir in der Regel auch nicht sauer, weil jemand zu sp\u00e4t ist, sondern, weil er nicht Bescheid gesagt hat, dass er zu sp\u00e4t sein wird. Zeitlich bedeutet das nur einen h\u00f6heren Koordinationsaufwand.<\/p>\n<footer>(ham)<\/footer>\n<\/div>\n<footer><a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/leben\/gesundheit\/psychologie\/wir-sollten-wieder-lernen-dinge-zu-verpassen-aid-1.6989072\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zum Originalartikel<\/a><\/footer>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Rheinische Post\r\n06.08.2017\r\n\r\nWie nutzt man seine Lebenszeit richtig? Ist Arbeit doch Zeitverschwendung? Und kann man mehr Zeit im Leben bekommen? Der Zeitforscher Jonas Gei\u00dfler gibt Antworten. 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