{"id":1733,"date":"2020-10-05T14:27:00","date_gmt":"2020-10-05T12:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/?p=1733"},"modified":"2022-12-28T18:36:57","modified_gmt":"2022-12-28T16:36:57","slug":"die-enkel-und-der-opa-warum-sich-kinder-und-alte-gut-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/die-enkel-und-der-opa-warum-sich-kinder-und-alte-gut-verstehen\/","title":{"rendered":"Die Enkel und der Opa &#8211; Warum sich Kinder und Alte so gut verstehen"},"content":{"rendered":"<p>Karlheinz Gei\u00dfler im Gespr\u00e4ch mit Rudolf Walter \u00fcber die Zeiten als Gro\u00dfvater.<br \/>\nVer\u00f6ffentlicht in <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/leben-shop\/lebensuebergaenge-broschur\/c-28\/p-10534\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8220;Einfach Leben, Thema Lebens\u00fcberg\u00e4nge, 05\/2017&#8221;<\/a><\/p>\n<p><b><i><br \/>\nSie sind mehrfacher Gro\u00dfvater. Wieviel Enkelkinder haben Sie denn?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Vier, alles M\u00e4dchen, und mit allen haben meine Frau und ich, auch weil wir am gleichen Ort wohnen, einen sehr engen Kontakt. Mit der heute Elfj\u00e4hrigen hatte ich bereits als sie sechs Jahre alt war und der Schuleintritt bevorstand, originelle und kluge Gespr\u00e4che \u00fcber die Zeit und \u00fcbers \u00c4lterwerden gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><b><i>Kann man denn mit Kindern auch \u00fcber das Alter sprechen?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich. \u00c4lterwerden, das tun Enkelkinder und Gro\u00dfeltern ja beide. Aber sie erleben und besetzen es emotional v\u00f6llig unterschiedlich. F\u00fcr Kinder ist das \u00c4lterwerden attraktiv, voller Hoffnung, ein Zuwachs von Freiheit und M\u00f6glichkeiten. Dar\u00fcber zu reden und nachzudenken, dass das auch irgendwann einmal umschl\u00e4gt und man von den M\u00f6glichkeiten wieder Abschied nehmen und wieder zu lernen gezwungen wird, abh\u00e4ngig zu&nbsp;sein, tut mir als Gro\u00dfvater gut. Es dient meiner Selbstvergewisserung und der Erinnerung, dass auch ich Zeiten erlebt habe, in denen das \u00c4lterwerden einmal etwas Sch\u00f6nes war.<\/p>\n<p><b><i>Wie \u00e4ndert sich das Zeitempfinden im \u00c4lterwerden?&nbsp;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Jeder Tag ist f\u00fcr Kinder einer mehr, f\u00fcr Gro\u00dfeltern hingegen jeder Tag mehr einer weniger. Das Zeitempfinden der Kinder wird durch Erwartungen und Hoffnungen dominiert, das der Gro\u00dfeltern durch Ausw\u00e4hlen, Verzichten. Enkelkindern verlangen \u2013 z.B. beim Spiel \u2013 Wiederholungen (um Sicherheiten zu gewinnen). Wiederholungen nicht als \u201everlorene\u201c Zeiten zu sehen, das m\u00fcssen \u00e4ltere Menschen wieder lernen. Kinder lehren mich, (wieder) rhythmisch zu leben.<\/p>\n<p><b><i>Mit den Enkeln kommt diese Di-mension des Neuen ins Spiel?&nbsp;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Neu ist vor allem der Unterschied des&nbsp;Umgangs mit den eigenen Kindern und dann mit den Enkelkindern. Die Erziehung eigener Kinder ist zugleich die Ein\u00fcbung in die Elternrolle. Die Gro\u00dfelternrolle muss man nicht ein\u00fcben, die bekommt man zugewiesen, und die Enkelkinder entscheiden, wie sie ausge\u00fcbt wird. Ist man nicht mehr in die anstrengende elterliche Erziehungsverantwortung eingebunden, kann man dem Spiel, dem Treiben der Kinder wie von einer Trib\u00fcne herab zuschauen. Man spielt zwar mit, hat aber auch Distanz. Man ist teilnehmender Beobachter mit hohem Betroffenheitsrisiko.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><b>Enkel sind das beste Mittel gegen<br \/>\n<\/b><b>die Dem\u00fctigungen des Alters.<br \/>\n<\/b><b>Und rezeptfrei!<\/b><\/span><\/p>\n<p><b><i>Eine pl\u00f6tzliche Erfahrung: Da war man mitten in seinem Leben und wird \u00fcbergangslos zum Opa, zur Oma \u201egemacht\u201c.&nbsp;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Oh ja, ich war schon leicht geschockt, als mein erstes Enkelkind erstmalig \u201eOpa\u201c zu mir sagte. In diesem Moment habe ich gesp\u00fcrt, wie wenig im Leben der Mensch doch selbst entscheiden kann. Nicht ich habe entschieden, Opa&nbsp;zu werden, meine Kinder haben das getan. Sie bestimmen, was aus ihren Eltern wird. Das ist eine Kr\u00e4nkung, eine Einschr\u00e4nkung meines Souver\u00e4nit\u00e4tsanspruchs. Aber nat\u00fcrlich ist das auch eine sch\u00f6ne, weil eine lebendige Kr\u00e4nkung.<\/p>\n<p><b><i>Ist es nicht das: Andere zeigen einem, dass man in der Generationskette&nbsp;<\/i><\/b><b><i>nach vorne ger\u00fcckt ist? Nicht \u00c4lterwerden, sondern Altsein \u2013 das ist Teil der Botschaft. Darin liegt der Schock: Man ist jetzt einer anderen Kohorte zugeh\u00f6rig. Und n\u00e4her ans eigene Ende ger\u00fcckt.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Wir sollten nicht vergessen: Dass Enkel mit Gro\u00dfeltern zu tun haben, ist ja eine historisch junge Entwicklung, die der&nbsp;erfreulicherweise gestiegenen Lebenserwartung zu verdanken ist. Eine Gro\u00dfelterngeneration gibt es ja erst seit 150-200 Jahren. Vorher sind die Menschen meist vor der Geburt ihrer Enkelkinder gestorben. Von den vier Gro\u00dfeltern, die ich h\u00e4tte haben k\u00f6nnen, habe ich nur einen Gro\u00dfvater bewusst gekannt. Meine Enkelkinder kennen alle vier Gro\u00dfeltern und noch zwei Urgro\u00dfeltern.<\/p>\n<p><b><i>\u201eKr\u00e4nkung\u201c war das eine. Und was ist das Sch\u00f6ne an der neuen Zuschreibung?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die andere Perspektive, die zu neuen Erfahrungen f\u00fchrt! Enkelkinder legen den Schalter von Schlussmachen auf Anfangen um. Ich muss, ich darf wieder Fragen beantworten. Kinder stellen viele Fragen (\u201eWann schl\u00e4ft die Zeit eigentlich?\u201c) die mir meine Umgebung wieder fragw\u00fcrdig macht. Neue Erfahrungen, andere Sichtweisen tun sich auf. Hierdurch erlebe ich das \u00c4lterwerden auch als eine Entwicklung nach vorne. Enkelkinder zeigen und demonstrieren zudem, dass das Leben in rhythmischen, eher kreisf\u00f6rmigen Dynamiken, als Wiederholung mit Abweichung, verl\u00e4uft. Was man glaubte, hinter sich gelassen zu haben, die eigene Kindheit, liegt, in anderer Form, wieder vor einem. Das Kind in einem selbst stellt einem wieder Fragen. Man wird wieder naiv.<\/p>\n<p><b><i>Mich hat eine Bemerkung des Holocaustforschers Saul Friedl\u00e4nder sehr ber\u00fchrt, der erz\u00e4hlte, dass er jahrzehntelang keine Gef\u00fchle zulassen konnte, sich eingepanzert hat \u2013 bis er seinen Enkel sp\u00fcrte: da taute sein Herz auf. Da sei er dem Leben wieder nahegekommen.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die Enkelkind-Erfahrung hei\u00dft in der Tat: Trotz allem, das Leben setzt sich fort, das Leben ist st\u00e4rker, die Zeit \u00fcberlebt mich. Das Theater des Lebens macht mit neuer Besetzung weiter. Die Zukunft hat eine Chance, obgleich man durch das neue Leben, das ja zugleich eine neue Lebendigkeit ist, n\u00e4her ans eigene Ende geschoben wird. Aber Angst wird durch Lebendigkeit \u00fcberw\u00e4ltigt: ein Trick des Lebens, um uns die Angst vor dem Tod zu nehmen und uns mitzuteilen, mit dem Ende ist es nicht zu Ende. Es setzt sich etwas fort, es bleibt etwas. Die einen schreiben aus diesem Grund B\u00fccher, die anderen versuchen, sich mit politischen Entscheidungen unsterblich zu machen. Enkelkinder sind all diesen Anstrengungen vorzuziehen.<\/p>\n<p><b><i>Anfang und Ende des Lebens kommen miteinander in Ber\u00fchrung.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Enkelkinder sind ein Dementi des individuellen Endes. Sie sind die &#8220;Fortsetzung&nbsp;im Ende\u201c. Das wurde in den alten Clans und Familiendynastien ganz bewusst auch mit Ritualen und Zeremonien so inszeniert. Inzwischen muss man nicht mehr als Thronfolger geboren werden, um das Ende der Familie zu verhindern, inzwischen ist das Nachfolgen demokratisiert.<\/p>\n<p><b><i>Das Wort \u201eEnkel\u201c stammt ja aus dem althochdeutschen Wort \u201eeninchili\u201c, was \u00fcbersetzt \u201eder kleine Ahn\u201c bedeutet.&nbsp;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Genau, es weist auf den ehemaligen Glauben an eine sippengebundene Wiedergeburt hin. Man erlebt in der Beziehung zu den Kindern aber auch, was an Kindlichem und Kindischem noch in einem selber steckt. Da man keine Erziehungsverantwortung mehr hat, kann man sogar das Anarchisch-spielerische, das Kindische, bei sich selbst aus- und durchbrechen lassen.<\/p>\n<p><b><i>Im alten Menschen sind fr\u00fchere Lebenserfahrungen und Phasen pr\u00e4sent, wieder abrufbar. Vielleicht verstehen sich Kinder und Alte deswegen so gut?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Ja, aber beide haben dar\u00fcber hinaus auch die gleichen Probleme: Beide m\u00fcssen gehen lernen. Man muss im Leben zweimal gehen lernen. Zuerst den aufrechten Gang. Und wenn man \u00e4lter wird, hei\u00dft es immer wieder \u201egehen lernen\u201c: Man muss lernen Abschied zu nehmen, Abl\u00f6sung von Beruf und Kompetenz, von der Firma, von k\u00f6rperlicher Fitness und von vielen Hoffnungen und Erwartungen \u2013 bis hin zum Tod: Beides ist Vorbereitung \u2013 das eine auf das Leben, das andere auf den Abschied hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><b>Auf einmal kann<br \/>\n<\/b><\/span><span style=\"color: #ff0000;\"><b>man sogar das Anarchisch-spielerische, das Kindische, bei<br \/>\n<\/b><\/span><span style=\"color: #ff0000;\"><b>sich selbst aus-<br \/>\n<\/b><\/span><span style=\"color: #ff0000;\"><b>und durchbrechen lassen.<\/b><\/span><\/p>\n<p><b><i>Das ist nicht das einzige. Beide erfahren in diesem \u00dcbergang ja auch Freiheit.<\/i><\/b><\/p>\n<p>Soweit es gesellschaftliche Anforderungen angeht: Kinder (zumindest bis zum Schuleintritt) und alte Menschen (nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben) sind von den Tempoimperativen der Gesellschaft entlastet, zumindest teilweise. Die verlangsamten Zeitqualit\u00e4ten sind f\u00fcr Kinder und \u00e4ltere Menschen reserviert. Dazwischen tobt der Zeitdruck und bestimmt die Daseinsgestaltung. Und so haben Kleinkinder mit Kinderwagen und Rollatorenschieber die gleichen Probleme: Treppen, zu hohe B\u00fcrgersteige und eine zu kurze Ampelschaltung beim Stra\u00dfenqueren. Das aber ist eine von der Tempogesellschaft erzwungene Solidarit\u00e4t von Enkelkindern und Gro\u00dfeltern, auf die man auch verzichten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><b><i>Was \u00fcbergeben Gro\u00dfeltern ihren Enkeln? Was bieten sie?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Das wichtigste: Gro\u00dfeltern sind Stationen der Flucht. Inmitten all der Anforderungen und Zumutungen, die heutzutage auf Kinder zukommen, stellen Gro\u00dfeltern Fluchtburgen zur Verf\u00fcgung, gesch\u00fctzte Zeitoasen \u2013 zum Spielen, Vorlesen, Erz\u00e4hlen. In diesen Zeitoasen k\u00f6nnen die Kinder erste Schritte der Abl\u00f6sung der Distanz von den Eltern ausprobieren. Sie lernen \u2013 relativ angstfrei \u2013 alternative Lebenskonzepte kennen.<\/p>\n<p><b><i>Ihr Tipp: Was kann man denn tun, um gut alt zu sein?&nbsp;<\/i><\/b><\/p>\n<p>Sich mit Kindern langweilen! Kein Programm, keine Termine! Kindern und der Zeit zuzuschauen wie sie auf einen zukommen. Wenn Kinder dann klagen: \u201eMir ist so langweilig\u201c \u2013 sie auffordern: \u201eLass uns doch gemeinsam langweilen\u201c. Sich mit Kindern wie auf einer Luftmatratze im See beim Wolkenschauen treiben lassen. Merke: Enkelkinder sind das beste Mittel gegen die Dem\u00fctigungen des Alters \u2013 und ohne Rezept zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Karlheinz Gei\u00dfler im Gespr\u00e4ch mit Rudolf Walter \u00fcber die Zeiten als Gro\u00dfvater.\r\nVer\u00f6ffentlicht in &#8220;Einfach Leben, Thema Lebens\u00fcberg\u00e4nge, 05\/2017&#8221;\r\n","protected":false},"author":7,"featured_media":3360,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1,25,14],"tags":[26,44,30,29],"class_list":["post-1733","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-ausgewaehlte-beitraege","category-interviews","tag-karlheinz-geissler","tag-kindliche-zeit","tag-zeitkompetenz","tag-zeitmanagement"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Enkel und der Opa - Warum sich Kinder und Alte so gut verstehen - timesandmore<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/jonasgeissler.de\/timesandmore\/die-enkel-und-der-opa-warum-sich-kinder-und-alte-gut-verstehen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Enkel und der Opa - Warum sich Kinder und Alte so gut verstehen - timesandmore\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Karlheinz Gei\u00dfler im Gespr\u00e4ch mit Rudolf Walter \u00fcber die Zeiten als Gro\u00dfvater. 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